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Weihnachten nach D. F. Strauß : Allem Volke widerfahren

  • -Aktualisiert am

In der Weihnachtsgeschichte erkannte David Friedrich Strauß die Neigung der alten Welt, große Männer als Göttersöhne darzustellen. Die Konsequenz des Bibelkritikers war die Demokratisierung der frohen Botschaft.

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          Anfang Juni 1835 lieferte der Tübinger Verlag von C. F. Osiander den „Ersten Band“ eines zweibändigen Buches von 1484 Seiten aus. Der Autor war gerade 27 Jahre alt und lehrte mit großem Erfolg als Repetent am Tübinger Stift, der Kaderschmiede der württembergischen lutherischen Staatskirche. Sein bald europaweit bekannter Name: David Friedrich Strauß. Der Titel des Buches: „Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet“.

          In der Vorrede schrieb Strauß am 24. Mai des Jahres: „Den inneren Kern des christlichen Glaubens weiss der Verfasser von seinen kritischen Untersuchungen völlig unabhängig.“ Staatliche Autoritäten und konservative Kritiker sahen dies ganz anders. Zwar hatte Strauß erklärt: „Den dogmatischen Gehalt des Lebens Jesu wird eine Abhandlung am Schlusse des Werkes als unversehrt aufzeigen: inzwischen möge die Ruhe und Kaltblütigkeit, mit welchem im Verlaufe desselben die Kritik scheinbar gefährliche Operationen vornimmt, eben nur aus der Sicherheit der Überzeugung erklärt werden, dass alles das den christlichen Glauben nicht verletzt.“

          Aber seine „mythische Ansicht“, dass der allergrößte Teil der neutestamentlichen Erzählungen von Jesu Leben und Lehre bloße Mythen und Sagen, also keine mehr oder minder objektiven Berichte über reale historische Ereignisse seien, unterminiere, so der „Königlich württembergische Studienrat“ als vorgesetzte Behörde des Stifts, den Glauben des Volkes und damit die öffentliche Ordnung. Ein so aufklärerischer, kritischer Geist wie Strauß könne in den Köpfen junger Kandidaten für das protestantische Pfarramt nur kognitive Verwirrung stiften.

          Wahr Mensch und wahrer Gott

          Noch bevor der zweite Band des „Lebens Jesu“ erschienen war, wurde Strauß deshalb an das Lyceum seiner Heimatstadt Ludwigsburg strafversetzt. Die angekündigte „Schlussabhandlung“ machte dann schnell Sensation und führte zu literarischen Kontroversen, wie man sie in dieser polemischen Aggressivität im deutschen Sprachraum noch nicht erlebt hatte. Hunderte von Gegenschriften erschienen.

          Mit Hegel bestimmte Strauß die „Religion als die Form, in welcher die Wahrheit für das gemeine Bewusstsein wird“. Die Leute brauchten nun einmal mythische Erzählungen, die sie irgendwie für wahr hielten. Moderne gelehrte Kritik aber zeige die vielen Unstimmigkeiten in den alten Legenden, die nichts historisch Faktisches berichteten, sondern allein den Versuch darstellten, die Zentralidee des Christentums, die Versöhnung oder Einheit von Gott und Mensch, in phantastischen Bildern vorzustellen. Die Evangelien seien „geschichtartige Einkleidungen urchristlicher Ideen, gebildet in der absichtslos dichtenden Sage“. Philosophisch wie theologisch hochgebildet, überblickte Strauß die Geschichte der historisch-kritischen Bibelwissenschaft seit dem siebzehnten Jahrhundert.

          Mit klarem analytischen Blick und schneidender Schärfe wies er die vielen Widersprüche in den Weihnachtsevangelien des Lukas und Matthäus auf. Schon die „Stammtafeln“, mit denen für Jesus von Nazareth eine Herkunft aus dem „Hause Davids“ nachgewiesen werden sollte, stimmten in Konstruktion, Zählung und Benennung der Ahnen nicht überein. „Die Hauptschwierigkeit liegt darin, dass Lukas zum Theil ganz andre Individuen zu Vorfahren Jesu macht, als Matthäus.“

          Wie uns die Alten sungen

          Auch die Geschichten von der „Verkündigung der Empfängnis Jesu“ und speziell die Vorstellung, dass „Jesus durch eine, an die Stelle der männlichen Mitwirkung getretene göttliche Thätigkeit in Maria erzeugt worden sei“, seien Projektionen einer frommen Phantasie, wie sie für die Alten typisch sei; Strauß zeigt an der griechisch-römischen Mythologie die „Neigung der alten Welt, große Männer und Wohlthäter ihres Geschlechts als Göttersöhne darzustellen“.

          Den begrifflichen Kern der Erzählungen von Steuerschätzung, Krippe, Hirten und himmlischen Heerscharen entfaltete der Doktor der Philosophie dann in einer „Menschheitschristologie“, die vor allem die Liberalen der Zeit als eine Demokratisierung der einst nur dem Individuum Jesus von Nazareth exklusiv zuerkannten Prädikate lasen. Mit Bezug auf Spinoza, Kant und Schleiermacher erklärte Strauß „im Geiste der fortgeschrittenen Wissenschaft“, dass die Einheit von Gott und Mensch sich nicht allein im historischen Jesus, sondern in der Menschheit überhaupt realisiere. Es sei nicht das Wesen der Idee, sich nur in einem einzigen Individuum zu manifestieren.

          Schon Schleiermacher hatte in der Gesprächsnovelle „Die Weihnachtsfeier“ Jesus 1805 als den Repräsentanten der Menschheit, den „Menschen an sich“ gedeutet. Strauß zieht daraus die Konsequenz, dass die Menschheit an Weihnachten sich selbst feiert. Die „Heilige Familie“ als Imaginationsort der modernen bürgerlichen Familie – das erlaubt es allen auf je eigene Weise, die alten Legenden weiter zu erzählen.

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