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Das Geheimnis der Genies : Einsteins pädagogische Formel

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Verschulte Universitäten der Anfang des Scheiterns

Wieder andere verbrachten von der akademischen Nomenklatura gedemütigt ein Leben in der Provinz. In einem solchen Kampf ist deshalb Einsteins Stirn erneut gefragt, die große Nase allein führt hier nicht weiter. Als Robert Koch und Louis Pasteur im 19. Jahrhundert fast gleichzeitig proklamierten, dass viele Krankheiten von Bakterien verursacht werden, wurde beide mit beißendem Spott überzogen und viele der damaligen Granden hielten sie für geisteskrank. Während der schüchterne Koch von der akademischen Welt erst posthum gewürdigt wurde, durfte Pasteur seinen Ruhm schon zu Lebzeiten genießen. Er ließ sich seinen Schneid nicht abkaufen und wusste sich als blendender Rhetoriker zu wehren.

Wie steht es heute um die Förderung von Stirn und Nase? Werden Schüler und Studenten zu eigenständigen Denkern erzogen, die dicke Bretter bohren können und einen mit harten Bandagen geführten Diskurs nicht scheuen? Da sind Zweifel erlaubt. Während im Vorschulalter, vielleicht noch in der Grundschule das Bemühen zu erkennen ist, die Kreativität der Kinder ernst zu nehmen, so schwindet dieses auf der Oberschule. An seine Stelle tritt der Nürnberger Trichter, eine weit über das Ziel hinausschießende Wissensvermittlung, die den Schülern natürlich auch Disziplin abverlangt. Aber diese Disziplin, bei der nachgekaut wird, was andere schon vorgekaut haben, ist gänzlich verschieden von der, die man braucht, um eigenen Visionen eine Form zu geben. Diese entwickelt sich im Wechselspiel mit persönlichen Passionen. Für diese aber wird die Zeit knapp. Heutige Schüler absolvieren ein Arbeitspensum, das bei VW-Arbeitern schon lange zu massiven Protesten und Streiks geführt hätte. Wo bleibt da Zeit für eine individuelle von der Schule unabhängige Entwicklung?

An den immer stärker verschulten Universitäten verschlimmert sich das Problem. Gibt es dort Zeit und Muße für die Studenten über den Tellerrand zu gucken? Fehlanzeige. In meiner Heimatstadt Tübingen sitzen in Lesungen bekannter Autoren oder den Fächer übergreifenden Vorträgen des Studium Generale fast nur noch alte Leute. Schütten wir auf diese Weise nicht das Kind mit dem Bade aus? Innovationsfähigkeit von wird von allen Bildungspolitikern wie ein Mantra beschworen, einzig die dazu notwendigen Fähigkeiten werden weder gelehrt noch gefördert! Das ist dringlicher denn je. Auch die jungen Menschen, die ihr Studium in kürzestmöglicher Zeit und allerbesten Noten durchlaufen haben, ziehen eine gesicherte Versorgungslage den Fährnissen des freien Unternehmertums vor. Noch nie gab es so wenige Existenzgründer wie heute. Und auch den Universitäten würde frischer Wind gut tun.

Durch das gängige Berufungssystem - Gleichgesinnte berufen Gleichgesinnte, weil sie in Journalen, die von Gleichgesinnten begutachtet werden, Gleichgesinntes veröffentlicht haben, entstehen geistige Monokulturen, die nicht zwangsläufig zu großen wissenschaftlichen Umbrüchen führen. Das ändert sich auch nicht dadurch, dass laufend das Wort „Exzellenz“ im Mund geführt wird. Wirkliche „Exzellenz“ nährt sich aus anderen Quellen. Das hat Einstein sehr klar erkannt. Deshalb sollten wir uns nicht scheuen, seine pädagogische Formel auf die Fahnen schreiben. Wir brauchen eigenständige Denker mit einer individuellen Biographie, die sich trauen dicke Bretter zu bohren, um dann in einem fruchtbaren Diskurs für die besten Ideen und Standpunkte zu streiten. Für diese Menschen müssen wir die Weichen stellen. Dazu brauchen wir keinen Intelligentest.

Über den Autor

Marco Wehr ist Physiker und Philosoph in Tübingen. Er beschäftigt sich mit der Beziehung von Körper und Denken sowie Fragen der Berechenbarkeit, so etwa in seinem Buch „Welche Farbe hat die Zeit? Wie uns Kinder zum Denken bringen“.

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