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Das Geheimnis der Genies : Einsteins pädagogische Formel

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Doch mit Antworten in poetischer Sprache hätte er die ohnehin misstrauischen Kollegen schwerlich begeistern können. Für ihn wie alle anderen galt das Diktum Thomas Alva Edison: „Genie ist ein Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration.“ Auch ein Einstein musste sich in Jahrzehnte(!) langer Arbeit die notwendigen mathematischen Techniken aneignen. Erst dann konnte er die spezielle und später die allgemeine Relativitätstheorie formulieren. Anderen Weltendenkern ging es nicht anders. Der mystisch angehauchte Kepler rechnete ebenfalls Jahrzehnte an seinen Planetenbahnen und der brillante Physiker James Clerk Maxwell mühte sich gleichfalls sehr lange, um die phantastisch anmutenden Vorstellungen, die er von elektromagnetischen Feldern hatte - er sah rotierende Wasserwirbel vor seinem inneren Auge -in seine scheinbar gottgegebenen Formeln zu kleiden, die uns heute in ihrer kristallinen Klarheit berühren. Was für die Wissenschaft gilt, gilt auch für die Kunst. Selbst der von seinem Vater gedrillte Mozart benötigte fast 20 Jahre, bis er eine völlig eigenständige künstlerische Handschrift entwickelte.

Ausdauer, Wagemut und Frustrationstoleranz

Dass ausdauernde Arbeit unverzichtbarer Bestandteil des Erfolgs ist, wird wenigstens in Fachkreisen nicht mehr bestritten. Mindestens 10.000 Stunden Übung sind notwendig, um es zu echter Könnerschaft bringen möchte. Ganz im Gegensatz zum IQ-Dogma, ist diese Einsicht hervorragend belegt. Es ist eben nicht der Intelligenzquotient, der Auskunft über die Spielstärke eines Schachgroßmeisters gibt, sondern die Anzahl absolvierter und gelernter Partien. Und auf den Musikhochschulen werden einzig diejenigen zu Virtuosen, die ausdauernd geübt haben. Trotzdem wird in diesem Zusammenhang ein Aspekt nicht genügend gewürdigt: Es ist nicht einfach die Zeit, die man übt.

Entscheidend ist auch wie man übt! In einer Studie über das Eiskunstlaufen hat man herausgefunden, dass sich nur diejenigen Sportler zu exzellenten Läufern entwickeln, die permanent an ihren Schwächen arbeiten. Diejenigen, die viel Zeit damit verbringen, bereits Gekonntes zu wiederholen, stagnieren auf längere Sicht. Deshalb braucht es zur Weiterentwicklung nicht nur Übedisziplin. Genauso wichtig ist eine ausgeprägte Misslingenskompetenz, da sich der erfolgreich Lernende laufend mit den eigenen Unzulänglichkeiten beschäftigt! Ein Meister wird dadurch zum Meister, dass er von seinem Gefühl immer ein Anfänger bleibt. Wie ist das auszuhalten? Damit sind wir wieder bei der Vision.

“Wenn Du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer!“ So lautet das treffliche Zitat von Antoine de Saint-Exupéry, das nicht dadurch falsch wird, dass man es schon oft gehört hat. Nur eine hohe intrinsische Motivation, hilft das permanente Scheitern zu ertragen. Frustrationstoleranz und Wagemut, Tugenden die in Vergessenheit zu geraten drohen, braucht es schließlich auch beim letzten, alles entscheidenden Schritt. Treten Künstler oder Wissenschaftler endlich mit ihrem Werk an die Öffentlichkeit, werden sie in den seltensten Fällen mit offenen Armen empfangen. Als Einstein seine spezielle Relativitätstheorie veröffentlichte, wurde sie anfangs totgeschwiegen. Andere Visionäre wurden verspottet, beleidigt und gedemütigt. Die Fälle füllen eine Bibliothek. Sensible Menschen wie der Physiker Ludwig Boltzmann nahmen sich das Leben, andere wie der Mathematiker Georg Cantor oder der Mediziner Ignaz Philipp Semmelweis wurden psychatrisch auffällig.

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