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Das Geheimnis der Genies : Einsteins pädagogische Formel

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Sprechen Genies über sich selbst, dann ist eigentlich selten von Talent und Begabung die Rede, sondern eher von unbändiger Neugier, aber auch von elend langen Durststrecken, die es zu durchleiden gilt, letztlich auch von Kränkungen und Verletzungen, die jeder erfährt, der gewohnte Bahnen verlässt. Die mittlerweile verstorbene Forscherin Rita Levi-Montalcini, die für die Entdeckung des Nervenwachstumsfaktors den Nobelpreis bekam, erzählt in ihrer Biographie, wie sie bis zum Alter von fast 100 Jahren vom Unbekannten fasziniert war. Bis kurz vor ihrem Tod ging sie täglich ins Labor. Sie spricht in ihrer Schrift aber auch von der Verbissenheit, an einer Sache dran zu bleiben und dem Gleichmut, den man braucht, um Niederlagen zu ertragen.

Vor diesem Hintergrund muss die Frage erlaubt sein, ob wir in unseren angestrengten Bildungsbemühungen auf das falsche Pferd setzen. Werden forcierte Wissensvermittlung und eine am Intelligenzquotienten aufgehängte Begabtenförderung dazu führen, dass junge Eliten zu brillanten Innovatoren werden? Wäre es nicht sinnvoller bei Schülern und Studenten Kreativität, Beharrlichkeit, Mut zum selbstständigen Denken, aber auch Eloquenz und Streitbarkeit zu fördern? Es sind doch oft gerade die Unangepassten und Furchtlosen, die wirkliche Entdeckungen auf die Spur bringen!

Am Anfang steht die Vision

Werfen wir einen kurzen Blick auf den Intelligenquotienten, den Dreh und Angelpunkt der Begabtenförderung. Tatsächlich sind Intelligenz, Kreativität und Erfolg korreliert, aber nur bis zu einem IQ von 120. Das ist nicht sehr beeindruckend. Diesen Wert hat etwa jeder sechste von uns. Deshalb erstaunt der Wirbel, der um den IQ gemacht wird. Selbst in der intellektuellen Paradedisziplin Schach sagt ein IQ oberhalb dieses Schwellenwerts wenig über die Spielstärke aus und andere Studien an Hoch- und Höchstbegabten ergaben, dass diese selten Außergewöhnliches zu Stande bringen. Zwar wird im Kreis der „Intelligenzbestien“ häufiger promoviert, aber Nobel- oder Pulitzerpreise gewannen die vermeintlichen Überflieger nicht. Im Gegenteil: Gewinner solcher Ehrungen waren wegen angeblich mangelnder Begabung von solchen Untersuchungen ausgeschlossen worden. Erstaunt das?

Das erstaunt nicht, wenn man einen ungetrübten Blick auf die Mechanismen des Erfolgs wirft: Am Anfang von Allem steht natürlich die Idee. Aber eine Idee ist erstmal nur eine Sternschnuppe und weit davon entfernt schon Tat zu sein. Dazu muss sie erst zu einer Vision werden, die stark genug ist, den Adepten über die steilen Klippen zu tragen, die sich ihm fast immer in den Weg stellen. Sich von einer Vision leiten zu lassen, erfordert aber Mut, geht es doch um eine unbestimmte Wette auf die Zukunft. Zeitliche und materielle Ressourcen werden gebunden und es kann Jahre, manchmal Jahrzehnte dauern, bis sich eine Idee konkretisiert, wobei man oft bis zum letzten Moment nicht weiß, ob sie vom Erfolg gekrönt sein wird oder nicht. Zudem erfordert dieser lange Weg von der Idee zur Tat weitere Charaktereigenschaften. In den Wissenschaften, der Technik und in den Künsten muss man sich ein Handwerkszeug erarbeiten, um der Idee eine Gestalt zu geben. Und genau an dieser Stelle wird deutlich wie eng bei den so genannten Genies kindlicher Spieltriebe und eine eiserne Härte miteinander verbunden sind. Betrachten wir wieder Albert Einstein. Natürlich war dieser der Meister des intellektuellen Spiels: Was passiert, wenn ich auf einem Lichtstrahl reite und eine Taschenlampe anknipse? Macht es für die Geschwindigkeit der Lichtteilchen, die aus der Lampe kommen einen Unterschied, ob ich in oder gegen die Flugrichtung leuchte? Das war nur eine der vielen kindlich anmutenden Fragen, mit denen sich Einstein leidenschaftlich beschäftigte und die zum Kern seiner Visionen wurden.

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