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Corona-Pandemie : Todeszeit und Weltzeit

  • -Aktualisiert am

Ausgestorben wirkt der Markusplatz in Venedig, wo sich normalerweise Tausende von Touristen tummeln, aufgenommen m Mai dieses Jahres. Bild: dpa

Ein Ende ist noch nicht in Sicht. Viele Historiker glauben aber schon zu wissen, dass die Pandemie als historische Zäsur in die Geschichte eingehen wird.

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          Im Oktoberheft der „Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte“ erörtert Andreas Wirsching die Beziehung von Nationalstaat und Globalisierung. Er hält es für möglich, dass wir gerade das Ende einer „zeitgeschichtlichen Epoche von circa 1970 bis 2020“ erleben, „die von Internationalisierung, Liberalisierung und Globalisierung geprägt war“ – bis das neuartige Coronavirus um die Welt ging. Mit dem Vorschlag einer neuen Epocheneinteilung ebnet Wirsching Zäsuren wie den Umbruch in Osteuropa 1989/90, die Terroranschläge 2001, die Finanzkrise 2008 oder die Flüchtlingskrise 2015 ein. Der Autor gesteht, dass ihm die „Stimme des Augenblicks“ diese welthistorische Einordnung der Pandemie eingeflüstert hat.

          Doch wie Wirsching wagen auch andere Zeithistoriker den Versuch einer Historisierung der Geschehnisse der letzten zehn Monate, wenngleich dies eine „historische Zäsurbildung unter den Bedingungen der Unsicherheit“ (Jörn Leonhard) bleiben muss. Denn noch hat die Pandemie keinen irgendwie gearteten Abschluss gefunden, sei es durch einen Impfstoff oder durch eine Mitteilung der Weltgesundheitsorganisation.

          Schon im März stellte der Weltbestsellerautor Yuval Noah Harari in der „Financial Times“ die Behauptung auf, dass sich die Menschheit in der Pandemie an einer Wegscheide befindet – und das gleich in zweifacher Hinsicht. Die langfristigen Auswirkungen der Covid-19-Politik führen, so prophezeit Harari, entweder zu mehr totalitärer Überwachung oder verstärkter zivilgesellschaftlicher Selbstbestimmung, entweder zu mehr nationalen Egoismen oder einer neuen globalen Solidarität.

          Zwischen ähnlichen Polen bewegt sich Heinrich August Winkler, der seiner Ende August bei Beck erschienenen kurzen Geschichte der Deutschen „Wie wir wurden, was wir sind“, die mit dem Herbst 2019 endet, ein achtseitiges Nachwort „Im Zeichen von Corona“ angehängt hat. Auch wenn Winkler Anzeichen einer Renationalisierung („,Corona‘ wurde in Europa zur Stunde der Nationalstaaten“) sieht, befasst er sich ausführlich mit der Europäischen Union.

          Keine neue Stunde Null

          Im Gegensatz zu Jürgen Habermas  sieht Winkler in der geplanten Ausgabe von EU-Anleihen durch die Europäische Kommission zur Finanzierung der Wiederaufbauhilfen keine „europapolitische Kehrtwende“ Angela Merkels, sondern nur „eine Modifikation der bisherigen deutschen Linie“. Denn für die Kredite sollen die Mitgliedstaaten nur in der Höhe ihres Beitrages zum EU-Haushalt, jedoch nicht gesamtschuldnerisch, haften.

          Trotz aller Veränderungen der letzten Monate macht Winkler vor allem Kontinuitäten aus. Eine neue Stunde Null (einmal abgesehen davon, dass umstritten ist, ob es 1945 nicht zuletzt angesichts der Elitenkontinuität überhaupt eine solche gab) vermag der die Zeitläufte stets sachlich-nüchtern beobachtende Berliner Historiker nicht zu erkennen. Einen Superlativ möchte aber auch er spendieren: „Die Beschränkungen der Grund- und Freiheitsrechte waren allerdings auch die rigorosesten und umfassendsten seit 1945.“

          Die Münchner Historikerin Hedwig Richter hat sich in ihrem gleichzeitig mit Winklers Buch ebenfalls bei Beck erschienenen Buch „Demokratie. Eine deutsche Affäre“ bewusst gegen ein der Covid-19-Krise gewidmetes Nachwort entschieden. Die Pandemie taucht in ihrer Schlussbetrachtung zwar kurz auf, allerdings neben der Klimaerwärmung, der Migration und der Benachteiligung von Frauen nur als eine unter vielen Herausforderungen, mit denen liberale Demokratien konfrontiert sind.

          Dagegen warnt der Niederländer Geert Mak in einem aktuellen, sehr ausführlichen Epilog seiner bei Siedler verlegten „Großen Erwartungen“ vor den langfristigen Wirkungen der Krise auf die offene Gesellschaft: „Etliche Staaten werden auf die Regeln und Maßnahmen, mit denen sie ihre Bevölkerungen kontrollieren, nicht so schnell verzichten, das lehrt die Geschichte.“ Für die von Wirsching geäußerte Vermutung findet er ein Bild, das man angesichts von einer Million Pandemie-Todesopfern paradox oder geschmacklos nennen mag: Der „Fiebertraum der Globalisierung“ könnte ausgeträumt sein. Mak fragt sich, ob die Corona-Krise als „disruptives“ oder „transformatives“ Ereignis in die Geschichtsbücher eingehen wird: „Hier und da liegen Revolutionen in der Luft.“

          Unter Berufung auf den im letzten Jahr verstorbenen ungarisch-amerikanischen Historiker John Lukacs hält Mak sogar nicht weniger als das Ende „von fünf Jahrhunderten bürgerlicher Kultur“ für möglich, denn vieles deutet nach seiner Ansicht darauf hin, dass uns allen eine Zukunft „mit weniger Wohlstand, weniger Freiheit und weniger Offenheit“ bevorsteht. In den Niederlanden ist Maks Nachwort sogar als eigenes Taschenbuch gedruckt worden.

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