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Christian Meier in Berlin : Der Griff des Politischen

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Geistesgegenwart bewirkt Fristverlängerung: Christian Meier im Januar 2019 im Gespräch mit Redakteuren der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Bild: Ruth Walz

Erstaunlich, wie die Demokratie funktionierte: Der Althistoriker Christian Meier hält die Carl-Schmitt-Vorlesung an der Humboldt-Universität.

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          Der Althistoriker Christian Meier war und ist in seinem Fach ein seltener Vogel. Wohl gab es in seinen jungen Jahren (Meier gehört dem Jahrgang 1929 an) in den Altertumswissenschaften auch andere Köpfe, die sich bemühten, die Grenzen des Akademischen zu überschreiten, vor allem unter den Philologen. Aber ihr Denken war doch so weit noch traditionell, als sie in der Antike das Klassische suchten, das Vorbildliche, das Höchste, was Menschen sein können. Auch Meier sah die Antike als Modell an, aber als ein Modell, an dem man Möglichkeiten prüft, ein methodisch gut kontrollierbares Studienfeld. In einem Interview mit dieser Zeitung hat er erzählt, wie misstrauisch die Kollegen waren, als er mit der „Entstehung des Begriffs ,Demokratie‘“ 1970 zum Suhrkamp-Autor wurde. Damit galt er als „Intellektueller“, und das war man im Fach nicht.

          Und so, fast fünfzig Jahre später, sah es auch aus, als Meier jetzt in Berlin die sechste Berliner Carl-Schmitt-Vorlesung hielt: „Das Politische und die Polis“. Der Archäologe Luca Giuliani, bis zum letzten Jahr Rektor des Wissenschaftskollegs, musste später feststellen, im Publikum der einzige Altertumswissenschaftler gewesen zu sein.

          Meiers Leidenschaft für neue Fragen und sein Wille, als Historiker auch aus der und für die Zeitgenossenschaft zu arbeiten, hatten spätestens seit der Arbeit an der Habilitationsschrift „Res publica amissa“ seine theoretischen Neigungen geweckt und auch sein Interesse an Carl Schmitt. Das allerdings war mindestens ebenso stark ein Interesse Schmitts an Meier. Niemals, so erzählte Meier, sei ihm ein Mensch begegnet, der seine Schriften mit solcher Neugier verfolgt habe. Hatte er ihm einen Sonderdruck geschickt, bekam er gleich eine Antwort, oft wurde er um zusätzliche Exemplare gebeten, die Schmitt an Freunde weiterreichte.

          Dank an den Begriffspolizisten

          Meier rühmte Schmitts Fähigkeit, „durch überfallartige Fragen“ zum Weiterdenken zu zwingen und dabei insbesondere die Funktion einer „Begriffspolizei“ auszuüben. Als er von Staat und Gesellschaft in der antiken Welt gesprochen habe, sei Schmitt dazwischengefahren, das gehe nicht, da er müsse er Ernst-Wolfgang Böckenförde beauftragen, Meier das „auszutreiben“. Und damit habe er recht gehabt. Ausdrücke wie Staat und Gesellschaft führen beim Nachdenken über die Antike in die falsche Richtung.

          Für Schmitt war das fehlende Raumverständnis der alten Welt entscheidend, Meier hob hervor, wie sehr Politik Sache der Bürger war, das Politische das „Polisbürgerliche“. Als Beispiel nannte er, dass Verträge mit fremden Mächten zwischen „den Athenern“ und Dritten abgeschlossen wurden. In Schmitts „Begriff des Politischen“, worauf Meier dann nicht mehr einging, findet sich, wenn auch in anderem Zusammenhang, ein womöglich noch schöneres Beispiel: In einem Volksbeschluss von 410 (dem „Psephisma des Demophantos“) wurde festgelegt, dass jeder, der gegen die athenische Demokratie vorgehe, ein „Feind der Athener“ (und nicht etwa der Demokratie) sei – doppelt bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass es der griechischen Sprache ja nicht an der Fähigkeit zur Abstraktion mangelte.

          In welchem Maße Politik Sache der einzelnen Bürger sein sollte, demonstrierte Meier am Rat der Fünfhundert in Athen: Die Mitglieder wurden ausgelost (das galt als demokratischer als eine Wahl, denn bei der Wahl setzten sich die Redegewandtesten durch, die also, die, privilegiert durch Vermögen, eine teure Rhetorenschule durchlaufen hatten), die Amtszeit währte ein Jahr. Zur Demokratie gehörte, dass alle auch einmal regierten – „und es funktionierte erstaunlicherweise“.

          Einer allein wäre überfordert

          Das große Exempel, an das man denkt, geben seit je die „Eumenides“ des Aischylos ab, daran zeigte auch Meier, wie sich die Bürgerschaft Ordnung dachte. Klytämnestra hat ihren aus Troja heimgekehrten Mann ermordet, worauf ihr Sohn Orest sie auf Weisung Apolls erschlägt, um den Vater zu rächen. Wiegt die Tötung der Mutter schwerer als die des Gatten, der ja kein Blutsverwandter ist? Die Erinyen, uralte Gottheiten, verfolgen Orest, Apoll verteidigt ihn. Doch die Entscheidung kann er selbst nicht fällen, er schickt den Angeklagten aus dem Heiligtum von Delphi nach Athen, wo „Richter für die Tat“ Wege finden werden.

          Dort denkt Athene ähnlich. „Zu schwierig ist der Fall, als dass ein Mensch ihn zu / entscheiden wagt; nicht einmal mir gebührt ein Urteil.“ Der Streit wird aus der religiösen Sphäre in die weltliche überführt. Das Schwurgericht des Volkes von Athen wird gegründet und zum Urteil berufen, doch Athene selbst stimmt mit ab. Mit ihrer Stimme kommt es zum Gleichstand, Orest ist freigesprochen. Es ist ein Verfahren der Bürger, und auch wenn die Göttin sich beteiligt, sie hat nur eine Stimme unter anderen.

          Rund 14.000 Menschen fanden im Theater von Athen Platz, der Anteil derer, die sich für Politik, das Nachdenken darüber, für Philosophie und Kunst interessierten, war wohl nie so hoch wie in der griechisch-römischen Antike. Meier sprach von der dritten großen Revolution, die er nach der neolithischen und der Bildung der frühen Großreiche die politische nannte, eine Revolution des Politischen, die auf der Beteiligung der Bürger aufbaute. Und so kehrt er im hohen Alter zumindest für einige Schritte zurück zu der Vorstellung, dass die antike Welt uns auf eine Weise erstaunt, der er das Vorbildliche nicht leicht absprechen mag.

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