https://www.faz.net/-gwz-ae50j

Neue Debatte um „Cat Person" : Ich bin nicht so, wie alle Welt vermutet

  • -Aktualisiert am

Die Leute verlieren ja so viel: Ist lebensgeschichtlicher Stoff Strandgut, den die glückliche Finderin sich aneignen darf? – Kristen Roupenian. Bild: dpa

Darf eine Autorin mit ihren Figuren Katz und Maus spielen? Zum zweiten Mal löst die Erzählung „Cat Person“ von Kristen Roupenian eine Debatte über das Verhältnis von biographischen Fakten und literarischer Fiktion aus.

          7 Min.

          Es ist eine besondere Form von Horror, sich als Person unerwartet in einer Fi­­gur aus einer literarischen Erzählung wiederzuerkennen. Menschen, denen das zustößt, fühlen sich verraten und ohnmächtig. Man wurde gleicher­maßen bloßgestellt, verleumdet, bestohlen, und das mit den Mitteln der Literatur vor einer literarischen Öffentlichkeit.

          Johann Christian Kestner, der sich in „Die Leiden des jungen Werther“ in der Figur des trockenen Albert wiedererkennen musste, dessen literarische Funktion darin besteht, zwischen Lotte und Werther zu stehen, reagierte charakteristisch bestürzt. In einem Brief an Goethe schrieb er: „Und das elende Geschöpf von einem Albert! Mag es immer ein eignes nicht copirtes Gemählde seyn sollen, so hat es doch von einem Original wieder solche Züge (zwar nur von der Aussenseite, und Gott sey’s gedankt, nur von der Aussenseite) daß man leicht auf den würklichen fallen kann.“

          Man erkennt sich selbst, natürlich nur in Oberflächlichkeiten, fühlt sich aber vollkommen falsch dargestellt, oft von einem Menschen, der einem persönlich nahestand und dem man vertraut hat. Das Wesen des eigenen Charakters wurde von einer fremden und alles andere als wohlwollenden Fantasie okkupiert. Die Bestürzung, die durch eine solche Erfahrung ausgelöst wird, lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Das bin doch ich, aber das bin doch nicht ich!

          Ein Kollateralschaden ästhetischer Meisterschaft?

          Kestner und seine Frau Charlotte, die noch Jahre später von begeisterten Leserinnen und Lesern des „Werther“ belästigt wurden, gehören zu den berühmten Opfern literarischer Verarbeitung. Die Reihe dieser Opfer ist lang. Ihr Schmerz und ihre Bestürzung werden zumeist als notwendiger, aber nebensächlicher Kollateralschaden ästhetischer Meisterwerke abgetan. Die Betroffenen sollen sich nicht so haben, immerhin ist ja ein Roman wie „Werther“ entstanden. Dabei handelt sich oft um eine vernichtende Erfahrung – ein ethisches Problem, das den kreativen Prozess und seine Bewertung auf eine faszinierende Art verkompliziert.

          Ein aktueller Fall spielt sich gerade in den Vereinigten Staaten ab. Auslöser war ein Essay von Alexis Nowicki im Onlinemagazin Slate, der den Vorwurf erhebt, die Autorin Kristen Roupenian habe sich in ihrer Erzählung „Cat Person“ auf unangemessene Art und Weise in Nowickis Le­bensgeschichte bedient. „Cat Person“, 2017 im New Yorker veröffentlicht, war eine überraschende literarische Sensation – der seltene Fall eines literarischen Textes, der unzählige Male in sozialen Medien geteilt und kommentiert wurde. Ein Buch mit „Cat Person“ als Titelgeschichte folgte.

          In der Erzählung geht es um die junge Studentin Margot, die einen älteren Mann, Robert, kennenlernt, mit dem sie schließlich eine extrem unangenehme sexuelle Erfahrung macht. Die Effektivität der Geschichte entsteht vor allem durch die virtuose Sympathielenkung, welche die Ambivalenz der Situation lan­ge aufrechterhält bis zur naheliegenden, aber doch überraschenden Pointe, die für moralische Klarheit sorgt.

          Die Figur Robert kommt dabei ausgesprochen schlecht weg, vom ersten Kuss („shockingly bad“) bis zum Ende der Er­zählung, wo Robert in einer Mischung aus eifersüchtiger Paranoia und übergriffiger Verletztheit Margot als „whore“ beleidigt. Es handelt sich um ein Porträt zeitgenössischer toxischer Männlichkeit, das für zahlreiche Leserinnen einen großen Wiedererkennungseffekt erzeugte. Für andere wiederum war die Erzählung Anlass für heftige Irritation. Der Text wurde im Kontext von #metoo zu einem Schauplatz des öffentlichen Diskurses.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sergej Lawrow auf einem Wahlplakat von Einiges Russland in Simferopol im September

          Duma-Wahl : Die zweite Familie des Sergej Lawrow

          Der russische Außenminister hat sich den Wahlkampf eingemischt. Unter anderem wegen seines Drucks ist eine App des Oppositionellen Nawalnyj nicht mehr erreichbar. Doch er hat mit privaten Enthüllungen zu kämpfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.