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Oxford oder St. Andrews : Die universitäre Welt der britischen Elite

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Cambridge Universität: Hier lernte und lehrte Stephan Hawking über 50 Jahre lang. Bild: AFP

Vor 40 Jahren schaffte es Prinz Charles noch mit eher mittelmäßigen Noten an die Cambridge Universität. Aber wer studiert heute an den britischen Elite-Universitäten? Über die Klassengesellschaft im Kleinformat.

          Als Prinz Charles 1967 seinen Studienplatz wählte, hatte niemand etwas dagegen, dass er sich für Cambridge entschied, obwohl es ein offenes Geheimnis war, dass er die Zulassungskriterien nicht erfüllte. Aufgenommen wurde also nicht der Klassenbeste, sondern der Sohn Ihrer Majestät, und die Öffentlichkeit folgte dem ohne Empörung. Als gut dreißig Jahre später Prinz William sein eigenes Studium begann, stand auch er nicht unter Genialitätsverdacht. Aber anders als sein Vater unternahm er nicht einmal den Versuch, trotzdem nach Oxford oder Cambridge vorzudringen, sondern studierte stattdessen lieber gleich im schottischen St. Andrews. Nach Einschätzung der britischen Soziologen Anthony King und Daniel Smith wäre ein solcher Versuch auch vergeblich gewesen, da die Abschlussnoten unterdessen ungleich ernster genommen würden als noch vor wenigen Jahrzehnten.

          Diese Aufwertung des akademischen Titels führen sie auf zwei Veränderungen im System der elitären Privatschulen und Universitäten zurück. Zum einen müssen sich seit den neunziger Jahren auch die Spitzenuniversitäten in höherem Maße selbst finanzieren, was sie unter anderem dadurch tun, dass sie gegen hohe Studiengebühren mehr Ausländer aufnehmen, darunter vor allem Chinesen. Zum anderen gibt es politischen Druck, mehr britische Schüler aufzunehmen, die nicht von irgendeiner der sozial exklusiven Privatschulen kommen. Ausländeranteile von zehn Prozent und Anteile der Absolventen staatlicher Schulen von fünfzig Prozent sind nichts Ungewöhnliches mehr. Außerdem verweigern Universitäten wie Oxford oder Cambridge das Größenwachstum auf der Ebene von Studienplätzen. Folglich ist die Konkurrenz um den Zugang zu diesen Universitäten härter geworden und die Frage der Abschlussnoten schicksalhafter.

          Modischer Sponsor

          Vor allem aber ist der Anteil der oberen Schichten an den Studenten der Spitzenuniversitäten geringer, an der Studentenschaft der normalen Universitäten dagegen höher als ehedem. Es gilt also nicht mehr, dass die Kinder der aktuellen Elite sich an einigen wenigen Universitäten konzentrieren, wo sie dann mehr oder weniger unter sich sind. Die meisten Mitstudenten haben nun einen anderen sozialen Hintergrund, und die mit dem gleichen sind weit über das Land verstreut. Das erschwert es, aus den vielen gleichen Exemplaren eine Gruppe zu machen, und also müsste man sich um das Netzwerk der guten Beziehungen in der britischen Oberschicht ernsthafte Sorgen machen. Die Soziologen geben jedoch Entwarnung, zumindest teilweise.

          Denn nicht nur sind alle Universitäten nun breiter zusammengesetzt, auch die Größenordnung der regelmäßigen Kontakte zwischen ihren jeweiligen Studenten hat zugenommen. Das verdankt sich vor allem der Marketingstrategie eines gewissen Peter Williams. Um seinem neu gegründeten Modelabel Jack Wills ein möglichst exklusives Image zu verschaffen, verfiel er gleich auf mehrere Ideen. Zum einen wurde er zum Sponsor für Sportveranstaltungen oder Skireisen, die vorher schon die Studenten ungleichrangiger Universitäten angezogen hatten, aber erst seither zu wahren Großveranstaltungen und gesellschaftlichen Ereignissen mit inoffiziellem Teilnahmezwang aufstiegen. Natürlich dienen ihm diese Zusammenkünfte als Gelegenheit zum Verkauf seiner Produkte, und natürlich kann sie dort, und ebenso in den zahlreichen Läden seiner Kette, jeder Beliebige kaufen.

          Klassengesellschaft in Kleinformat

          Daneben gibt es aber noch ein zweites Marketingprinzip, das eher an die Vertriebsformen von Tupperware erinnert. Und zwar werden an jeder Universität besonders beliebte Studenten, die nach Möglichkeit auch den besseren Kreisen entstammen sollten, als Markenbotschafter gewonnen und mit Produkten versorgt, mit denen sie die ihnen Nahestehenden beschenken können. Wer auf dem Campus oder am Ende einer Winterreise ein solches Geschenk empfängt, der ist danach das kooptierte Mitglied eines exklusiven Clubs, und bei der nächsten Reise wird er dann zu kleineren und exklusiveren Festen eingeladen – was die Nichteingeladenen begreiflicherweise ärgert und daher immer wieder zu hässlichen Szenen führt.

          Dem Unternehmer kann das nur recht sein: Die Gruppe seiner Kunden bildet eine Art von Klassengesellschaft im Kleinformat, und seine Sachen kann er nicht nur an die wenigen Auserwählten dieser Hackordnung, sondern außerdem an die vielen Strebsamen unter ihren Verlierern verkaufen. Das dient dem Absatz der Kleidung, obwohl es ihrer Eignung als Statussymbol eher abträglich ist. Statt sechzig Pfund für einen Kapuzenpullover zu zahlen, so eine der vielen Stellungnahmen zum Thema im Internet, könne man sich auch gleich ein Schild auf die Stirn kleben: Ich hätte ja so gern eine Privatschule besucht!

          Mit wohltuender Vorsicht lassen die Soziologen es offen, ob sie nur hier über den Erfolg eines Geschäftsmannes berichten oder über ein funktionales Äquivalent für die Ständeschulen von ehedem. Es lohnt sich also, das Thema im Auge zu behalten.

          Anthony King/Daniel Smith, The Jack Wills crowd: towards a sociology of an elite subculture, in: The British Journal of Sociology 69 (2018), S. 44–66

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