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Schmähkritik : Sie sind ein Arschloch!

  • -Aktualisiert am

Auch in Deutschland eine der beliebtesten Gesten: der berühmte Stinkefinger Bild: dpa

Der Fall Böhmermann wirft viele Fragen auf. Ist das jetzt eine Beleidigung gewesen? Oder nicht? Die Frage ist nicht nur juristisch interessant.

          Wenn Kinder in Deutschland ihr erstes Schimpfwort in den Mund nehmen, ist das in der Regel das böse Wort mit A. Dann grinst das Kind, die Mutter schaut streng, der Vater schimpft: Sagt man nicht, darf man nicht – was natürlich meist geheuchelt ist. Die Sprache der Erwachsenen ist voller Schmähungen und Beleidigungen: Schlampe, Penner, Drecksau. So etwas hört man beinahe täglich. Dabei haben die Deutschen allerdings eine besondere Neigung zum Arschloch.

          „Deutsche beleidigen fast ausschließlich exkrementell“, sagt der Freiburger Romanist Hans-Martin Gauger. Von den 15 Sprachen, die er untersucht hat, beziehen dagegen die meisten ihre Wörter aus dem Genitalen und Sexuellen. Wo beispielsweise Engländer, Italiener und Spanier Ausdrücke wie „Fuck off!“ und „Cazzo!“ respektive „Puta!“ bevorzugen, sagt der Deutsche „Verpiss dich!“ und „Scheißkerl!“.

          Einmal Stinkefinger, macht 4000 Euro

          Anal adressiert wird dabei der laute Nachbar genauso wie der verachtete Politiker, aber auch Schiedsrichter oder Verkehrsteilnehmer. Auch enttäuschend verlaufende Jahreszeiten werden damit tituliert (Frühling, Arschloch, Herbst und Winter), oder streikende Alltagstechnik. Originell ist das Arschloch nicht mehr.

          Aber gegebenenfalls justitiabel. Das Strafmaß für Beleidiger beträgt bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe. In den Knast müssen aber die wenigsten; meistens wird es nur teuer. Im Netz finden sich ganze Kostenkataloge für Schimpfwörter, basierend auf Gerichtsurteilen. Vergleiche mit Schweinen und Kühen sind mit 300 und 475 Euro vergleichsweise günstig, der ausgestreckte Mittelfinger kommt mit 4000 Euro am teuersten. Geregelt ist der Tatbestand in Paragraph 185 des Strafgesetzbuchs. Doch was wirklich eine Beleidigung ist und was eine Meinungsäußerung, ist nicht immer leicht zu entscheiden.

          Grammatisches entschärfen hilft auch nicht

          Einfach macht man es dem Richter, wenn man sich sogenannter Formalbeleidigungen bedient. Darunter fallen alle klassischen Schimpfwörter, deren einziges Ziel ist, andere herabzuwürdigen. „Sage ich ‚Mein Nachbar ist ein Arschloch‘, braucht ein Gericht nicht erst vorsichtig zu erforschen, was genau ich damit ausdrücken wollte“, schreibt der Berliner Jurist und Autor Volker Kitz in seinem neuen Buch „Ich bin, was ich darf“. Die Wortwahl mache deutlich, dass ich meinen Nachbarn nicht nur kritisieren, sondern beleidigen wolle. Seine Ehre ist in diesem Fall höher anzusetzen als meine Meinung über ihn, auch wenn ich die für begründet halte. „Ich muss das höflicher formulieren“, sagt Kitz. Wobei bloße Grammatik nicht reicht. Joschka Fischers Verbalinjurie gegenüber Bundestagspräsident Richard Stücklen („Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch“) ist zwar formal respektvoll formuliert, aber wegen des Signalworts mit A genauso beleidigend wie ein „Ficken Sie sich!“

          Doch auch Äußerungen ohne die üblichen Signalwörter sind nicht immer durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Man darf einen Kollegen mies finden, ihn aber nicht „dumm wie Brot“ nennen. Man darf sich negativ über das Aussehen einer Fernsehmoderatorin äußern, sie aber nicht, wie geschehen, als „ausgemolkene Ziege“ bezeichnen. Phantasie schützt hier nicht vor Strafe. Dennoch stößt Volker Kitz in letzter Zeit häufiger auf gerade solche Formulierungen, insbesondere im Internet. Wer sich für die aktuelle Beleidigungskultur dort interessiert, muss sich nur Diskussionen zur Flüchtlingspolitik durchlesen. Da finden sich übelste Schmähungen, versehen mit ernst gemeinten Verweisen auf den für die Meinungsfreiheit einschlägigen Artikel 5 des Grundgesetzes sowie dem notorischen „Das wird man doch noch sagen dürfen“.

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