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Soziale Medien : Authentisch zufrieden

Die Generation digital kennt ein Leben ohne Internet nicht. Bild: AFP

Das eigene Leben in den sozialen Medien als Erfolgsgeschichte zu inszenieren, ist verlockend. Psychologen mahnen aber, dass solche Selbstvermarktung nicht ohne Risiko ist.

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          Die sozialen Medien sind bekanntlich kein Ort, der durch einen besonders hohen Grad von Wahrheitsnähe ausgezeichnet ist. Das gilt für viele Nachrichtenbehauptungen mindestens genauso wie für das Genre der sorgsam arrangierten Selbstauskünfte. Wer schreibt, ihm gehe es prächtig, kann in Wirklichkeit krank und verzweifelt sein. Wer ausschließlich Erfolge aufzählt, wird manchen Misserfolg unterschlagen haben. Fotos werden geschönt, Videos manipuliert. Wir wissen das alles und sind – im besten Fall – entsprechend misstrauisch.

          Solch um sich greifendes Misstrauen ist aber nur der eine Effekt des Ganzen. Der andere, dem sich amerikanische Wissenschaftler um Erica Bailey von der Columbia Business School nun in „Nature Communications“ widmen, betrifft die Akteure selbst: Wie wirkt die Beschönigung des eigenen Lebens auf die Psyche? Theoretisch wäre zweierlei denkbar. Einerseits verbessert die Selbstidealisierung sowohl Selbst- als auch Fremdbild. Andererseits aber spielt Authentizität eine wichtige Rolle dafür, mit sich selbst im Reinen zu sein.

          Um diese Spannung zwischen idealisierter und authentischer Selbstauskunft in den sozialen Medien zu entschlüsseln, werteten die Wissenschafter zunächst mehr als 10.000 Facebook-Profile aus. Deren Nutzer hatten einerseits einen Persönlichkeitstest gemacht und ihre allgemeine Zufriedenheit zu Protokoll gegeben. Andererseits leiteten die Wissenschaftler deren Persönlichkeit auch aus deren Status-Updates und ihrem Interaktionsverhalten ab. Das Ergebnis: Diejenigen, deren digitale und analoge Persönlichkeiten nicht stark divergieren, sind tatsächlich zufriedener.

          Ob die Authentizität der Zufriedenheit aber wirklich auch zugrunde liegt, wurde in einem zweiten kontrollierten Experiment mit 90 Studenten geprüft. Jeweils eine Woche lang sollten sich diese authentisch oder beschönigend auf Facebook darstellen: Wieder ging es denjenigen besser, die sich medial weniger verstellten. Sind also all jene, die sich selbst in den sozialen Medien als Erfolgsmenschen feiern, in Wirklichkeit unzufriedene Menschen? Wenn das so wäre, dann würden wir es zumindest von ihnen selbst kaum erfahren.

          Sibylle Anderl
          Redakteurin im Feuilleton.

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