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Die elisabethanischen Epochen : Kann denn nicht jedes Land wie Schweden sein?

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Die Tudor-Rose im Teppich verhieß, dass England kein Mauerblümchen mehr zu sein brauchte: Elisabeth II. und ihre Ehrenjungfrauen am Krönungstag. Bild: dpa

Der Stoff, aus dem die Träume sind. Das Land in dem die Sonne niemals unterging. Die Kolonialmacht. Aufstieg und Niedergang des „Zweiten elisabethanischen Zeitalters“ der englischen Geschichte.

          7 Min.

          Man darf vermuten, dass in einem Büro im Buckingham-Palast ein Planungsstab bereits den siebzigsten Jahrestag der Thronbesteigung Königin Elisabeths II. vorbereitet. Zehrte das diamantene Jubiläum von 2012 noch von der guten Stimmung im Lande, die von den überraschend erfolgreichen Olympischen Spielen in London ausging, wirft Platin einen dunkleren Schatten voraus. Das Thronjubiläum einer dann sechsundneunzigjährigen Monarchin wird man nicht anders denn als Abschied begehen können, als Abgesang auf eine Ära, die ein ganzes Lebensalter umfasst, vor deren Hintergrund die Erfahrungen und Erinnerungen mehrerer Generationen spielen.

          Noch zu Lebzeiten entfaltet sich derweil das Epos dieser sieben Jahrzehnte, die Netflix-Serie „The Crown“, die für mindestens eine Zuschauergeneration die kollektive Erinnerung prägen dürfte. Für den 15. November ist die vierte Staffel angekündigt. Die dritte endete mit dem silbernen Thronjubiläum von 1977. Der Königin, gespielt von Olivia Colman, werden aus diesem Anlass Worte in den Mund gelegt, deren Wahrhaftigkeit sich dem gegen Nostalgie nicht immunen Zuschauer geradezu aufdrängt: „Als ich auf den Thron kam, war dieses Land noch groß – und jetzt sieh nur. So viel zum zweiten elisabethanischen Zeitalter, von dem Winston sprach. Unter meinen Augen ist der ganze Laden bloß auseinandergefallen.“

          Tatsächlich sprach die Queen in einer persönlichen Rede vor dem Parlament in jenem Jahr von ihrer Sorge, das Land könnte zerbrechen. Ebenfalls 1977 erschien das Buch „The Break-Up of Britain“ des linken Politologen Tom Nairn, das seitdem immer wieder aufgelegt und aktualisiert wurde, ohne dass seine Prophezeiung sich vollends bewahrheitet hätte. Doch es scheint immerhin nicht mehr undenkbar, dass Schottland noch unter den Augen Elisabeths II. – die dort, wie die Nationalisten stets betont haben, nur Elisabeth I. ist – für eine Aufkündigung der Unionsakte von 1707 stimmt.

          Ob es nun tatsächlich Churchill war, der den Begriff einer zweiten oder neuen elisabethanischen Ära prägte, sei dahingestellt. Das Idealbild des Zeitalters der ersten Elisabeth, von Englands kultureller Blüte und seinem Aufstieg zur See- und Weltmacht, lag schon vor dem Zweiten Weltkrieg aktivierbar bereit, wie die Literaturwissenschaftlerin Irene Morra in dem von ihr gemeinsam mit Rob Gossedge herausgegebenen Sammelband „The New Elizabethan Age. Culture, Society and National Identity after World War II“ (Bloomsbury, 2017, Neuauflage 2020) betont. Die literarische Avantgarde hat laut Morra im elisabethanischen Zeitalter eine wiederherzustellende Einheit von Leben und Kunst in Überwindung des philiströsen neunzehnten Jahrhunderts gesehen, wofür emblematisch zwei 1928 aus der Bloomsbury-Gruppe publizierte Werke stehen: Virginia Woolfs mit der Auflösung von Geschlechtergrenzen spielender Roman „Orlando“ und Lytton Stracheys biographischer Essay „Elizabeth and Essex“.

          Ein Vergleich zwischen Königinnen

          Die in der Nachkriegszeit angerufenen historischen Analogien waren viel direkter. Prägend wirkte der Historiker A. L. Rowse mit seiner Geschichte des „Age of Elizabeth“ von 1950, deren Einleitung an die Abwehr der spanischen Armada 1588 erinnert: „Die Menschen Englands haben in unserer Zeit eine schicksalhafte Krise überstanden, dergleichen sie zuletzt im Zeitalter Elisabeths zu bestehen hatten.“ Damit war ein Thema vorgegeben, das auch das 1951 veranstaltete „Festival of Britain“ bestimmte und das 1952 im Augenblick der Thronbesteigung einer zweiten, Jugend und Hoffnung ausstrahlenden Elisabeth nur noch mit ihrem Namen versehen werden musste.

          Ein Shakespeare für das neue elisabethanische Zeitalter war nicht in Sicht, also trug zunächst die Oper die Hoffnungen auf eine neue kulturelle Blüte. Benjamin Brittens „Gloriana“ indessen, mit einer altersmüden, melancholischen Königin im Mittelpunkt – das Libretto von William Plomer basierte auf Stracheys „Elizabeth and Essex“ –, verfehlte dieses Bedürfnis spektakulär, unter dem Gelächter der Premierengäste. Die Kulturförderung verlegte sich wieder auf die Pflege der Werke Shakespeares; daneben gewann das Ballett an Bedeutung. Britten zog sich ins Küstendorf Aldeburgh zurück und baute dort, ganz unabhängig von nationalen Repräsentationsbedürfnissen, ein strahlendes kulturelles Zentrum auf.

          Elisabeth I. habe sich mit den besten Umgeben

          Der Hof hingegen enttäuschte die Renaissancegesinnten. Der Journalist und spätere Bühnenautor Keith Waterhouse beklagte schon 1956, der Hof habe die Chance verpasst, an die Kultur der großen Vorgängerin anzuschließen – Elisabeth I. habe sich mit den Besten ihres Volkes umgeben; nun bleibe die weithin machtlose Königsfamilie unter sich. Ähnlich lautete im Jahr darauf auch die Kritik des zweiten Barons Altrincham – eine Episode, die ebenfalls in „The Crown“ dramatisiert wird. Der Peer, Sohn eines nobilitierten Journalisten und Gouverneurs von Kenia, hatte die Königin zu deren Ungunsten nicht nur mit ihrem Großvater Georg V. verglichen, sondern auch mit ihrer illustren Vorgängerin, an deren Hof es niemals so banal hätte zugehen können. Zudem klinge sie – und hier überschritt der Lord vollends die Schwelle zur Majestätsbeleidigung, wofür ein militanter Monarchist seine Königin mit einem Fausthieb rächte – wie eine Nervensäge („a pain in the neck“). Altrincham legte 1963 nach der Reform des erblichen Adels seinen Titel nieder und veröffentlichte unter seinem bürgerlichen Namen John Grigg eine mehrbändige Biographie des radikalen Premierministers David Lloyd George.

          Mit fast 70 Jahren auf dem Thron ist Königin Elisabeth II. die dienstälteste Monarchin Großbritanniens.
          Mit fast 70 Jahren auf dem Thron ist Königin Elisabeth II. die dienstälteste Monarchin Großbritanniens. : Bild: AP

          Bezeichnender als die quasiamtlich unter dem Banner des Neuelisabethanismus auftretenden Werke sind womöglich populärkulturelle Phänomene, in denen sich der zwiespältige Charakter der Epoche zeigt. Im Krönungsjahr 1953 erschien Ian Flemings Debütroman „Casino Royale“; mit ihm betrat James Bond als Garant andauernder britischer Potenz die Weltbühne. Eine spätere Inkarnation Bonds traf dann mit einer anderen scheinbar überpersönlichen Verkörperung der britischen Nation, nämlich der Queen selbst, 2012 zu den Olympischen Spielen zusammen, in deren Eröffnungszeremonie man vielleicht eine Aktualisierung des Festival of Britain erkennen mag.

          International weitgehend unbekannt blieb hingegen Bonds heimlicher Gegenpol, Tony Hancock, dessen Radio- und spätere Fernseh-Sitcom 1954 erstmals auf Sendung ging. Die Kunstfigur, die Hancocks Namen trug, war ein kleinbürgerlicher Bohemien mit überhöhten Vorstellungen von der Größe, die ihm als Englishman zustehe. Sein Dasein fristet er in einer schäbigen Vorstadt mit Pferdetränken auf den Plätzen und der Zinkbadewanne vor dem Kamin; seine Pläne selbst für bescheidene Erfolge werden stets durchkreuzt. Auf das geflügelte Wort des späteren Premiers Macmillan, man habe es in Großbritannien noch nie so gut gehabt, kann Hancock nur antworten: Na, er vielleicht nicht. Dann kommen auch noch die amerikanischen Soldaten mit dicken Autos und großen Versprechungen und locken die Frauen über den Atlantik. Hancock ist mit England fertig, doch es gibt kein Entrinnen, denn den Möchtegern-Emigranten will selbst im Rumpf-Empire niemand haben. Dieser auch im wirklichen Leben todtraurige Titan der Vergeblichkeit hat noch heute Bewunderer. Wie die gleichzeitig auftretenden „Angry Young Men“ unter den Schriftstellern fühlte er sich vom Fortschritt betrogen, und für diese Stimmung sollte es im England der zweiten Königin Elisabeth immer einen Grund geben.

          James Bond (Daniel Craig) haben bei der Eröffnung der Olympischen Sommerspiele 2012 in London eine spektakuläre Show geboten.
          James Bond (Daniel Craig) haben bei der Eröffnung der Olympischen Sommerspiele 2012 in London eine spektakuläre Show geboten. : Bild: AFP

          Eine mit dem neuen elisabethanischen Zeitalter potentiell konkurrierende große Erzählung handelt vom wohlfahrtsstaatlichen „New Jerusalem“, das die 1945 gewählte Labour-Regierung habe aufbauen wollen. Unter diesem Motto steht denn auch David Kynastons vielbändige, auf den Fluchtpunkt 1979 hin angelegte Nachkriegsgeschichte Großbritanniens, und folgerichtig tut der an der London School of Economics promovierte Historiker die Rede vom neuen elisabethanischen Zeitalter als Erfindung der Presse ab. Fachkollegen Kynastons waren daran jedoch nicht unbeteiligt. Noch 1980 lieferte Arthur Bryant mit „The Elizabethan Deliverance“ ein Alterswerk ab, das sich explizit auf Rowse bezieht und Elisabeth II. als würdiger Trägerin eines großen Namens gewidmet ist. Es war dies ein letzter Nachhall der neuelisabethanischen Begeisterung, ein Rückblick auf ein Erbe, das schon längst zur Disposition stand.

          Sollte es möglich sein, fragten die Sex Pistols 1976, dass das Vereinigte Königreich „just another country“ sei? Die Kränkung, die in der Einsicht in die eigene Gewöhnlichkeit liegt, hat der in Cambridge lehrene Historiker Robert Tombs („The English and Their History“, 2014) in ein Therapeutikum gegen den „Deklinismus“ („declinism“) umgekehrt: In den Höhen und Tiefen seiner Nachkriegsgeschichte habe England das Schicksal vergleichbarer Industriestaaten geteilt; was als Abstieg oder gar Untergang erschiene, sei schlicht Normalisierung.

          Eine glorreiche Geschichte wird nicht vergessen

          Nun hat Großbritannien sich tatsächlich zum Leidwesen vieler Linker nicht mit dem Gedanken anfreunden wollen, wie Schweden zu werden: ein weiterer protestantischer Wohlfahrtsstaat im Norden Europas, der sich aus der Geschichte weitgehend verabschiedet hatte. Dazu gab es – und man möchte hierin das Verhängnis Großbritanniens nach dem Zweiten Weltkrieg sehen: keine geographische Mittellage, sondern eine mittlere weltpolitische Bedeutung – eben doch noch zu viel aktivierbares Machtpotential und zu viel lebendige Erinnerung an Größe.

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          Hatten die ursprünglichen Elisabethaner das Meer England unterworfen, so sollten ihre Nachfolger nun mit der Luft ein neues Element erschließen. Ehrgeizige Pläne zur Entwicklung militärischer und ziviler Flugzeuge wurden bereits in den vierziger Jahren aufgelegt. Schon 1954 aber waren die Vorzeigeprojekte der britischen Luftfahrtindustrie Embleme tragischen Scheiterns und schließlich kollektiven Versagens geworden: allen voran das weltweit erste Düsenpassagierflugzeug, die „Comet“, über die der Historiker Corelli Barnett urteilte, es habe bei der Gestaltung von Anfang an sowohl an Pragmatismus als auch an Expertise gemangelt – ein Versagen, das den Verfall der britischen Industrie vorweggenommen habe.

          Prospero – Vom Theater in den Orbit

          Ein letztes Echo der jungelisabethanischen Zuversicht war 1971 zu vernehmen, als Großbritannien endlich einen Satelliten in die Erdumlaufbahn brachte – er trug den Namen Prospero, nach dem Entdecker wider Willen aus Shakespeares „Sturm“. Verfilmt wurde das Spätwerk 1979 von Derek Jarman, der im Jahr zuvor mit dem Film „Jubilee“ Elisabeth I. durch den Luftgeist Ariel aus demselben Stück in die heruntergekommene Gegenwart hatte transportieren lassen: Kulturkritik im Gewand der Zeitreise.

          Politisch gefasst dauerte das neue elisabethanische Zeitalter von der Rückkehr Churchills 1951 bis zum Rücktritt Anthony Edens 1956. Spätestens mit dem diplomatischen Fiasko von Suez trat die politische Ernüchterung ein; folgerichtig begab sich Großbritannien mit der Vereinbarung von Nassau 1962 in eine strategische Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten, die ein Hauptgrund für Charles de Gaulles Veto gegen den EWG-Beitritt war. Doch damit war das elisabethanische Motiv keineswegs erledigt. Kaum hatte „diese ihrer Demütigung erst jetzt innewerdende Nation“, von der Karl Heinz Bohrer 1977 für diese Zeitung schrieb, das silberne Thronjubiläum der Königin trotz aller Unkenrufe würdevoll begangen, schien der Mantel der großen Tudor-Königin auf eine andere überzugehen.

          Margaret Thatcher war wie Elisabeth I.

          Bohrer ließ noch einmal die neuelisabethanische Erinnerung aufleben, indem er die zu den Jubiläumsfeierlichkeiten im ganzen Land entzündeten Feuer als „zeremonielle Wiederholung jener Warnfeuer“ beschrieb, „die von Cornwall bis nach Dover aufflammten, als die spanische Armada in den englischen Kanal eindrang“. Schon ein Jahr später zeichnete Nicholas Garland, der Karikaturist des „Daily Telegraph“, die damalige Oppositionsführerin Margaret Thatcher als Elisabeth I. Auch Irene Morra lässt den Gedanken zu, dass Thatcher den Geist des elisabethanischen Zeitalters zumindest in einigen Aspekten überzeugender verkörpert habe als die Königin selbst: durch den Sieg im letzten großen Kolonialkrieg, aber vor allem durch das kommerzielle Freibeutertum, wie es auch am Anfang des britischen Weltmachtstrebens stand.

          Die Nachricht vom Tod ihres Vaters Georg VI. hatte Prinzessin Elisabeth auf einer Reise durch das schon um das Kronjuwel Indien verminderte, doch noch immer beachtliche Weltreich ereilt. Am absehbaren Ende ihrer Regierungszeit erscheinen die beiden elisabethanischen Zeitalter eben nicht als analoge Vorgänge der Wiedergeburt, sondern vielmehr als Klammer, innerhalb derer sich Auf- und Abstieg Großbritanniens als imperialer Macht vollzogen hat.

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