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Die elisabethanischen Epochen : Kann denn nicht jedes Land wie Schweden sein?

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International weitgehend unbekannt blieb hingegen Bonds heimlicher Gegenpol, Tony Hancock, dessen Radio- und spätere Fernseh-Sitcom 1954 erstmals auf Sendung ging. Die Kunstfigur, die Hancocks Namen trug, war ein kleinbürgerlicher Bohemien mit überhöhten Vorstellungen von der Größe, die ihm als Englishman zustehe. Sein Dasein fristet er in einer schäbigen Vorstadt mit Pferdetränken auf den Plätzen und der Zinkbadewanne vor dem Kamin; seine Pläne selbst für bescheidene Erfolge werden stets durchkreuzt. Auf das geflügelte Wort des späteren Premiers Macmillan, man habe es in Großbritannien noch nie so gut gehabt, kann Hancock nur antworten: Na, er vielleicht nicht. Dann kommen auch noch die amerikanischen Soldaten mit dicken Autos und großen Versprechungen und locken die Frauen über den Atlantik. Hancock ist mit England fertig, doch es gibt kein Entrinnen, denn den Möchtegern-Emigranten will selbst im Rumpf-Empire niemand haben. Dieser auch im wirklichen Leben todtraurige Titan der Vergeblichkeit hat noch heute Bewunderer. Wie die gleichzeitig auftretenden „Angry Young Men“ unter den Schriftstellern fühlte er sich vom Fortschritt betrogen, und für diese Stimmung sollte es im England der zweiten Königin Elisabeth immer einen Grund geben.

James Bond (Daniel Craig) haben bei der Eröffnung der Olympischen Sommerspiele 2012 in London eine spektakuläre Show geboten.
James Bond (Daniel Craig) haben bei der Eröffnung der Olympischen Sommerspiele 2012 in London eine spektakuläre Show geboten. : Bild: AFP

Eine mit dem neuen elisabethanischen Zeitalter potentiell konkurrierende große Erzählung handelt vom wohlfahrtsstaatlichen „New Jerusalem“, das die 1945 gewählte Labour-Regierung habe aufbauen wollen. Unter diesem Motto steht denn auch David Kynastons vielbändige, auf den Fluchtpunkt 1979 hin angelegte Nachkriegsgeschichte Großbritanniens, und folgerichtig tut der an der London School of Economics promovierte Historiker die Rede vom neuen elisabethanischen Zeitalter als Erfindung der Presse ab. Fachkollegen Kynastons waren daran jedoch nicht unbeteiligt. Noch 1980 lieferte Arthur Bryant mit „The Elizabethan Deliverance“ ein Alterswerk ab, das sich explizit auf Rowse bezieht und Elisabeth II. als würdiger Trägerin eines großen Namens gewidmet ist. Es war dies ein letzter Nachhall der neuelisabethanischen Begeisterung, ein Rückblick auf ein Erbe, das schon längst zur Disposition stand.

Sollte es möglich sein, fragten die Sex Pistols 1976, dass das Vereinigte Königreich „just another country“ sei? Die Kränkung, die in der Einsicht in die eigene Gewöhnlichkeit liegt, hat der in Cambridge lehrene Historiker Robert Tombs („The English and Their History“, 2014) in ein Therapeutikum gegen den „Deklinismus“ („declinism“) umgekehrt: In den Höhen und Tiefen seiner Nachkriegsgeschichte habe England das Schicksal vergleichbarer Industriestaaten geteilt; was als Abstieg oder gar Untergang erschiene, sei schlicht Normalisierung.

Eine glorreiche Geschichte wird nicht vergessen

Nun hat Großbritannien sich tatsächlich zum Leidwesen vieler Linker nicht mit dem Gedanken anfreunden wollen, wie Schweden zu werden: ein weiterer protestantischer Wohlfahrtsstaat im Norden Europas, der sich aus der Geschichte weitgehend verabschiedet hatte. Dazu gab es – und man möchte hierin das Verhängnis Großbritanniens nach dem Zweiten Weltkrieg sehen: keine geographische Mittellage, sondern eine mittlere weltpolitische Bedeutung – eben doch noch zu viel aktivierbares Machtpotential und zu viel lebendige Erinnerung an Größe.

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