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Aufbahrung zu Hause : Tot! Was jetzt?

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Am Totenbett zu Hause können die Trauernden weinen, lachen oder Kaffee trinken. Auch beten und singen, wie es sich der Maler Félix-Joseph Barrias (1822-1907, „La Mort de Chopin“) für den großen Komponisten ausmalte. Bild: Ullstein

In Deutschland sterben pro Jahr rund 900.000 Menschen. Meist lassen Angehörige die Toten so schnell wie möglich abholen. So bringen sie sich um den Trost einer Verabschiedung in Ruhe. Geschichte eines Trauerfalls.

          Vater ist tot. Er starb friedlich am späten Abend im Kreise der Familie. In seinem Krankenbett im Wohnzimmer, und dort ließen wir ihn liegen, als die ersten Verwandten und Freunde kamen. Auch über Nacht. Und noch den ganzen nächsten Tag. Vater hatte nun, wie schon im Leben, sehr viele Besucher. Für viele von ihnen war der Anblick des aufgebahrten Freundes, Onkels und Großonkels sehr ungewohnt. Aber keiner fand es schlimm, beängstigend oder gar unerträglich. Auch nicht die beiden Fünfjährigen, die ihn mehrfach besucht hatten, als er im Sterben lag. Es sei ein tröstlicher Anblick, dieser Satz fiel immer wieder.

          Die Aufbahrung eines Verstorbenen ist kein unzumutbarer Vorgang. Die möglicherweise unangenehmen Vorbereitungen übernehmen andere. Wenn ein Todkranker wie erwartet stirbt, ist das kein medizinischer Notfall mehr. Nichts ist eilig. Ein Anruf beim Hausarzt oder beim hausärztlichen Notdienst sorgt dafür, dass der Tod amtlich festgestellt und ein Totenschein ausgestellt wird. Und dann? Dann haben die Angehörigen Zeit. Und Hilfe. Oft kommt sowieso seit Wochen oder Monaten ein ambulanter Pflegedienst zum Waschen und Betten. Und diese Pflegerinnen und Pfleger, die den Verstorbenen und seine Familie gut kennen, bahren ihn dann auf. „Wir machen das in fast allen Fällen. Auch für uns ist das eine Möglichkeit, uns von einem unserer Patienten würdig zu verabschieden“, sagt Hannelore Michels, Chefin der „Pflegenden Hände“ in Castrop-Rauxel. Wenn nötig, kamen die Pfleger zu dem Schwerkranken schon zu jeder Tages- und Nachtzeit, nun eben zu dem Verstorbenen. Egal wann. Sie waschen den Leichnam, rasieren und kämmen ihn. Ziehen ihm Kleidung an, die er mochte. Das vermittelt uns ein versöhnliches Bild: kein pumpendes Sauerstoffgerät, keine Infusion, keine Magensonde stören mehr. Der Kampf des Sterbenden gegen seine Schmerzen ist vorbei. Er hat Frieden. Jetzt ist Zeit für einen ruhigen Abschied. Eigentlich.

          Man hat genug Zeit für einen Abschied. Doch die meisten nutzen sie nicht

          Meist bleibt der Verstorbene nur zwei, drei Stunden zu Hause. Viele Angehörige würden es gerne noch schneller hinter sich bringen. Aber das geht aus juristischen Gründen nicht: Nur mit Totenschein kann der Verstorbene vom Bestatter abgeholt werden, und diese Bescheinigung darf der Arzt erst ausstellen, wenn eindeutige Todeszeichen sichtbar sind. Die sind zuverlässig nachweisbar, aber erst nach mehreren Stunden. Die Angehörigen haben es oft eiliger - aus unterschiedlichen Gründen. Einige fürchten sich vor der Veränderung des Toten, vor der Verwesung oder vor Giften. Diese Angst ist unbegründet: Ein normal Verstorbener verändert sich aus hygienischer Sicht nicht, auch nicht in den ersten Tagen. Sein Körper wird nicht plötzlich zum Risiko. „Wenn ein Kranker eine bedrohliche Infektion hatte, dann war diese schon vor seinem Tod gefährlich. Mit dem Eintritt des Todes ändert sich das nicht“, sagt Wolfgang Scherbeck, Palliativmediziner aus Castrop-Rauxel. Andere Leichen sind ungefährlich. Die Ängste sind zumeist kaum greifbar: „Viele Menschen wollen einfach nicht mit einem Toten zusammen in einer Wohnung sein. Der Tod ist ein Tabu“, sagt Scherbeck. Er empfiehlt den Angehörigen aber, sich Zeit zu nehmen für den Abschied - in Gegenwart des Verstorbenen, in der vertrauten Umgebung, im Sterbezimmer. „Erst später, nach der Bestattung, wenn die Hektik vorbei ist, wird einem der Verlust wirklich bewusst.“ Dann sei es für eine trostspendende Verabschiedung zu spät.

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