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Aufbahrung zu Hause : Tot! Was jetzt?

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Zum Abschied einen Kaffee am offenen Sarg

In unserem Fall in Castrop-Rauxel war es leider noch wie früher: Obwohl die Leichen- oder Trauerhalle vor wenigen Jahren renoviert worden ist, bietet sie nur schmale Zellen, die man nicht betreten kann und in die jeweils ein kleines Fenster Einblick gewährt. Aber so wollten wir keinesfalls um Vater trauern, nachdem wir es bei der Beerdigung eines Freundes in Polen völlig anders erlebt hatten. Er war ebenfalls zu Hause gestorben und wurde dann im Sarg im Wohnzimmer aufgebahrt. Drei Tage lang. In der Zeit traf man sich in seinem Haus, trank Kaffee und aß Kuchen, man sprach über den Verstorbenen - unmittelbar neben seinem offenen Sarg. Am Tag der Beerdigung verabschiedeten sich Verwandte und Freunde mit einem Kuss. Der Sarg wurde geschlossen und im Trauerzug auf den Friedhof geleitet. Das entspricht eigentlich auch unserem Brauch.

„Aber vor etwa zweihundert Jahren kippte die Tradition der häuslichen Aufbahrung: Die Menschen zogen in die Städte, die Arbeiterwohnungen waren klein, die Totenwache durch die nun oft unbekannten Nachbarn entfiel“, sagt Dagmar Hänel, Ritualforscherin und Leiterin der Volkskunde im Landschaftsverband Rheinland. „Anfangs wollten die Menschen von Leichenhallen und Feuerbestattung nichts wissen, dann veränderte sich die Kultur drastisch.“

Auch für Kinder keine traumatisierende Erfahrung. Im Gegenteil

Heute schieben viele Menschen ihre Kinder vor, die sie schützen wollen, weil diese den Anblick nicht ertragen könnten. Eine Ausrede: „Es ist die Angst der Erwachsenen vor dem Tod, die auf die Kinder projiziert wird“, sagt Birgit Halbe, Trauerbegleiterin vom Kinder- und Jugendhospiz Balthasar in Olpe im Sauerland. Sie habe noch nie negative Erfahrungen mit Kindern gemacht, die aufgebahrte Freunde oder Geschwister besuchten. Natürlich müssten Kinder vorbereitet und begleitet werden: „Wir sagen ihnen, wie sich die Verstorbenen anfühlen und wie sie aussehen - und die Kinder testen das und fassen den Toten ohne Scheu an“, sagt Halbe. Was den Abschied für sie leichter mache.

Das konnten wir ebenfalls beobachten. Eric und Bent, jeweils fünf Jahre alt, hatten den schwerkranken Großonkel mehrmals besucht, und deshalb sollten sie auch den Verstorbenen sehen: „Sie sollten begreifen, zu welchem Ende die lange Krankheit geführt hat“, erklärt es ihre Mutter. Für die Kinder war der Tote offenbar kein schrecklicher Anblick: „Er sah auch schön aus, als er tot war“, sagte einer der beiden Jungs. Albträume hatte keiner, im Gegenteil, sie können sich ohne Angst an den Besuch am Totenbett erinnern. Auch weil dieser den vorherigen sehr ähnelte: Es wurde im Wohnzimmer Kaffee getrunken und Kuchen gegessen. Es wurde geredet, getrauert und sogar gelacht. Direkt neben dem Toten. Nicht nur für die Kinder ein befreiendes Erlebnis. Als der Bestatter kam, hatten wir uns verabschiedet, konnten loslassen. Auf den Moment des Abschieds - in kühler Distanz der Leichenhalle - waren wir nicht mehr angewiesen.

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