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Aufbahrung zu Hause : Tot! Was jetzt?

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Dabei drängt nichts zur Eile. Man kann den Verstorbenen gefahrlos in der vertrauten Umgebung behalten, und man darf es auch: In den meisten Bundesländern ist eine Aufbahrung zu Hause bis zu 36 Stunden erlaubt; Sachsen und Brandenburg erlauben nur 24 Stunden, Thüringen 48, Bayern nennt keine Frist. In dieser Zeit ist es gestattet, den Verstorbenen zu Hause im Bett oder im Sarg - offen oder geschlossen - zu belassen. Diese Zeit eines persönlichen Abschieds bleibt den Angehörigen. Aber kaum einer nutzt sie.

Stattdessen werden die Verstorbenen meist bald nach dem Tod vom Bestatter abgeholt und in einer Leichenhalle aufgebahrt. „Von etwa 500 Bestattungen im letzten Jahr haben die Angehörigen in genau drei Fällen den Wunsch geäußert, den Verstorbenen zunächst in der eigenen Wohnung zu behalten“, sagt die Bestatterin Marina Hausmann aus Essen. „Die meisten wollen den Verstorbenen so schnell wie möglich aus dem Haus haben. Für viele ist es schlicht unheimlich, einen Toten in der Wohnung liegen zu haben. Andere sorgen sich um ihre Kinder“, sagt Hausmann. Viele wüssten eben nicht, dass es möglich sei, ihren Verstorbenen zu Hause zu behalten. Den schnellen Weg aus dem Sterbebett in die Leichenhalle hält die Bestatterin für bedauerlich: „Der Anblick des Verstorbenen ist meist äußerst friedlich. Er kämpft nicht mehr, er schnappt nicht nach Luft. Er ruht. Um diesen Anblick berauben sich die Angehörigen, wenn sie den Leichnam sofort abholen lassen.“ Hausmann hat ihren Vater nach dessen Tod aus dem Krankenhaus nach Hause geholt, um ihn in vertrauter Umgebung aufzubahren.

In der Leichenhalle ist kein Platz für Vertrautheit

Nicht anders Martin Hellfeier, Bestatter aus Castrop-Rauxel: Er selbst hat seinen Vater, der zu Hause gestorben war, vorbereitet und zu Hause aufgebahrt. Und er konnte die Zeit der Ruhe genießen, den Abschied im eigenen Haus. Seine Kunden dagegen wollen den Verstorbenen so schnell wie möglich aus dem Haus haben, Hellfeier spricht von einer Entsorgungsmentalität: „Holen Sie ihn einfach ab!“, heiße es nicht selten. Viele empfinden schon die Zeitspanne, bis sie den Totenschein in Händen halten, als unzumutbar. Möglichst schnell weg mit dem Leichnam, raus aus dem Haus, möglichst schnell in die Leichenhalle.

Dort ist allerdings kein Platz für Vertrautheit oder Intimität. Insbesondere die älteren Leichenhallen sind mehr Panoptikum als Abschiedszimmer: Der Raum, in dem der Verstorbene liegt, ist verschlossen; einzig eine kleine Scheibe - durch ein elektrisches Rollo zu verschließen - erlaubt einen distanzierten Blick. Mehr Abstand geht nicht. Wer seinem Angehörigen noch etwas Persönliches in den Sarg legen will, wer dessen Hand berühren oder auch einfach nur am Sarg stehen will, hat dazu keine Möglichkeit mehr. Und dafür gibt es Gründe: „Der Friedhofsbetreiber haftet, wenn sich irgendjemand an Leiche, Sarg oder Schmuck zu schaffen macht“, erklärt Hellfeier. Außerdem fühlen sich manche Angehörige durch diese Trennung geschützt.

Immerhin ist das nicht mehr überall so: „Verschlossene Leichenzellen mit Sichtfenster hat man heute auf modernen Friedhöfen kaum noch“, sagt Marina Hausmann. „Moderne Abschiedsräume kann man betreten, man kann dort sitzen, man kann mit den Händen begreifen, was passiert ist.“ Sie bieten einen Kompromiss zwischen der Aufbahrung zu Hause und der technischen Zurschaustellung in einer Leichenkammer mit Guckfenster. Und dafür lohnt es sich, den Bestatter zu fragen, welche Friedhöfe so ausgestattet sind, denn die Aufbahrung muss nicht zwingend dort stattfinden, wo später die Beisetzung erfolgt.

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