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Sozialer Reizentzug : Das Herz erzittert

Reizende Begegnungen entlasten Bild: dpa

Man wird derzeit weniger angelächelt, angesprochen, angefasst. So kommt es auch mitten in unseren Institutionen zu einer Unterbilanz des Sozialbedürfnisses, die der Philosoph Arnold Gehlen nicht wahrhaben wollte.

          3 Min.

          Der gegenwärtige, aktuell noch einmal verschärfte soziale Reizentzug verändert die Art und Weise, inneren Halt in der Außenwelt zu finden. Man wird unter den Bedingungen der Pandemie weniger angelächelt, angesprochen, angefasst. Die sinnliche Erfahrung von Gegenseitigkeit wird seltener, entfällt bisweilen ganz. Wo Mimik maskiert und Gestik auf Abstand gehalten ist, begegnen sich menschliche Stereotype. Der bloße Augenkontakt läuft leer, wenn er nicht durch begleitende Gesichtsregungen entziffert werden kann. Es schwindet die Möglichkeit von im Wortsinn reizenden Begegnungen, normalerweise eine stabile Außengarantie der seelischen Ausgeglichenheit; steckt doch in jeder Zufallsbegegnung die Verheißung, noch einmal mit anderen Augen gesehen zu werden.

          Sozialer Reizentzug erschwert es, sich als Referenzfigur für andere zu erfahren. In einem solchen „Vermissenserlebnis“ wird für Arnold Gehlen die Soziabilität überhaupt erst als positives Primärbedürfnis bewusst. „Solange der Mensch im Zusammenhang mehrerer, sich kreuzender und doch koordinierter Institutionen eingefasst ist, entsteht kein Vakuum, keine Unterbilanz des Sozialbedürfnisses“, heißt es in „Urmensch und Spätkultur“. Gehlens therapeutischer Institutionenoptimismus gipfelt in der Aussage: „Man begreift sich selbst bis ins Herz hinein in Kategorien der Objektivität.“ Was aber, wenn die institutionell gegebene Einfassung des Menschen sich, wie beschrieben, nicht mehr sinnlich niederschlagen kann? Der Mensch agiert weiterhin im Schnittpunkt der Institutionen Supermarkt, S-Bahn, Arbeitsplatz und Schule, wird dort nun aber regelmäßig um die affektive Sättigung gebracht, die als Nebenerfolg seines alltäglichen Handelns abfällt, wenn keine AHA-Regeln einzuhalten sind.

          Ein Niesen kann erschüttern

          Der Ausfall solcher sozialer „Hintergrundserfüllung“ (Gehlen) fällt umso mehr ins seelische Gewicht, als Clubs, Sportvereine und Gastronomie – Stätten, wo die Begegnung nicht nur im Hintergrund, sondern im Vordergrund steht – überhaupt unzugänglich geworden sind. So kommt es pandemiebedingt zu einem Vakuum, zu einer Unterbilanz des Sozialbedürfnisses nicht nur beim Ausfall von Institutionen, sondern – anders als Gehlen es für möglich hielt – mitten im institutionell eingefassten Tun. Das Herz begreift sich nicht, es erzittert.

          Damit tritt virologisch eine Grundschwäche von Gehlens Institutionentheorie hervor: die Überschätzung der Institution als umfassender Daseinssicherung, als Garant menschlichen Orientiertseins, als Entlastung von den Zumutungen des Subjektiven. Der Zusammenhang zwischen „Verhaltenssicherheit, Hintergrundserfüllung und Stabilität von Institutionen“ wird von Gehlen modernekritisch gefeiert: „Gerade die so geschehende Entlastung von den subjektiven Motivationen, das Schonverständigtsein in den Kernschichten und in den Handlungsgewohnheiten ist im Gegenzug zu der modernen Zivilisation eine Wohltat, deren wachsende Kompliziertheit einem dauernden Abbau von Traditionen parallel geht und die so den Einzelnen mit Entscheidungszumutungen überfordert.“

          Affektmengen explodieren

          Um welchen Preis aber wird hier der Abschied vom Komplizierten genommen? Man muss doch sehen: Heute genügt ein Husten, ein Niesen, um den vermeintlichen Objektivismus des institutionellen Lebens zu erschüttern, seiner subjektiven Fährnisse gewahr zu werden, statt sie durch Gewissheitsillusionen ersetzen zu wollen. Das ist ja doch der epistemische und wohl auch affektive Mehrwert der Pandemie: in einem globalen Schockmoment die falschen Sicherheiten wahrzunehmen. Doch als werde das Sicherheitsversprechen des institutionellen Lebens von einer ideologischen Abrissbirne erschüttert statt von handfesten Krisenerfahrungen, erklärt Gehlen: „Mit dieser Erschütterung beginnt die Verunsicherung des Einzelnen, die angstvolle Affektbereitschaft, das ganz automatisch entstehende Misstrauen als Atmosphären-Bestandteil. Und die Vordergrund-Dominanz des Subjektiven.“

          Ja, auf das Subjektive wird in der Tat geworfen, wer seine Primärbedürfnisse unter Kulturbedingungen setzen möchte. Man sieht sich dann darauf angewiesen, angelächelt, angesprochen, angefasst zu werden – beinahe egal von wem, so plastisch ist das soziale Orientierungsbedürfnis, da hat Gehlen recht. Und man stellt erschrocken fest: So schnell ist es um die soziale Erfülltheit geschehen, um die Nähegefühle als chronischen Hintergrund, wenn Institutionen virale Schwäche zeigen. Dann werden die hintergründig gebundenen Affektmengen explosionsartig in die Aktualität freigesetzt, in den Vordergrund gerissen. Das verunsichert, das macht misstrauisch gegen sich selbst. Hatte man sich – an der Hand des Anstaltstheoretikers Gehlen – doch von institutioneller Entlastung offensichtlich zu viel versprochen.

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