https://www.faz.net/-gwz-9t8nm

Soziologie der Schichtung : Die neue M-Klasse

  • -Aktualisiert am

Noch kreativ oder schon prekär? Ein Co-Workingspace im Berliner Stadtviertel Prenzlauer Berg. Bild: Picture-Alliance

Die Mosse-Vorlesungen an der Berliner Humboldt-Universität widmen sich der Klassentheorie. Den Auftakt machte ein vielgefragter Aufsteiger der Soziologenzunft, Andreas Reckwitz aus Frankfurt an der Oder.

          3 Min.

          Der Klassenbegriff hat in der Moderne eine Vielzahl wissenschaftlicher Konnotationen erhalten. Doch immer schwingt dank Karl Marx der Tenor der Revolution, des Widerstands und des Aufbruchs mit. An der Berliner Humboldt-Universität beschäftigen sich die Mosse-Lectures, die seit 1997 große Themen der politischen Theorie erörtern, in diesem Jahr mit „Klassenfragen“.

          Michèle Lamont aus Harvard und Michael Savage von der London School of Economics werden sprechen, Autoren von Büchern über den Lebensstil der französischen und amerikanischen oberen Mitelschicht im Vergleich und über die Klasse im einundzwanzigsten Jahrhundert. Den Auftakt machte der Kultursoziologe Andreas Reckwitz aus Frankfurt an der Oder, der mit seinem vielzitierten Buch über die „Gesellschaft der Singularitäten“ auch Aufmerksamkeit jenseits seines Fachs gefunden hat.

          Im Zentrum des Vortrags über „Die Spätmoderne und ihre Drei-Klassen-Gesellschaft“ stand die „neue Mittelklasse“, die sich laut Reckwitz durch den Fortschritt der Individualisierung im Zeichen von Bildungsexpansion und Digitalisierung herausgebildet hat. Diese Schicht grenze sich durch eine neue Form der Lebensführung von der „alten Mittelschicht“ der nivellierten Mittelstandsgesellschaft der Nachkriegsära ab. Die „neue Mittelklasse“ führe kognitive Arbeit aus und verbinde die Werte des alten Bildungsbürgertums mit dem romantischen Impetus der Suche nach Sinn im Leben. Ein Neobürgertum also, das die Postindustrialisierung trage. Diese bedrohe die alte Mittelschicht, die in der Nachkriegsordnung das Rückgrat der westlichen Industrienationen gebildet habe. Je mehr Abwertung sie erleide, desto wichtiger werde dieser Gruppe die Abgrenzung zu anderen Schichten.

          Ständig geht es auf und ab

          Außerdem kennt Reckwitz die konsolidierte Oberschicht, die ein bis zehn Prozent der Vermögenden, die allein von ihrem Besitz leben, und die prekäre Klasse, die wegen materieller und kultureller Mangelerscheinungen nur ein „Leben in Kurzfristigkeit“ führen könne. In den Augen von Reckwitz ist die Gesamtgesellschaft ein sich ewig drehender Paternoster. Die traditionelle Mittelschicht befürchtet, dass es für sie nur abwärts gehen kann.

          Wie wird sich das Verhältnis der drei oder vielmehr vier Klassen zueinander entwickeln? Der Vortrag entwarf drei Szenarien, aus denen sich verschiedene Auswirkungen auf die Demokratie ergeben. Es kann sein, dass die Digitalisierung nach den „Routinearbeitern“ auch die „creative class“ in die Prekarität herabdrücken wird, die gegenwärtig Nutznießerin der Transformation ist. Eine verschärfte politische Polarisierung wäre zu erwarten. Sollte sich die Schere aus neuer und alter Mittelschicht hingegen weiter öffnen, dürfte es politisch erst recht ungemütlich werden. Ein Wachstum beider Mittelschichtsgruppierungen wäre nach Reckwitz durch eine „Entprekarisierungspolitik“ zu bewirken. Es fehle jedoch am politischen Willen zu den dafür notwendigen massiven staatlichen Eingriffen ins Wirtschaftssystem.

          Homogenität der Singularitäten

          In der Diskussion über den Vortrag werden Fragen formuliert, die auch in der Rezeption des Buches aufgeworfen wurden. Die Definition der „neuen Mittelklasse“ ist zu ungenau für diese heterogene Gruppe, welche die ökosozialen Milieus der Metropolen ebenso abdeckt wie Arbeitnehmer in den Schlüsselindustrien der Zukunft oder wirtschaftsliberale Aufsteiger. Sind die Lebenswelten dieser Gruppen sich wirklich so ähnlich, wie Reckwitz sie beschreibt?

          Er verweist auf die Sinus-Studie, als statistisch weitreichendste Analyse der Gesellschaftsmilieus in Deutschland, die eine noch umfassendere Aufgliederung einzelner Gesellschaftsgruppen durchführt. Kehrt Reckwitz etwa zur Nivellierungsthese der Nachkriegszeit zurück, wenn er auf einem diese Mikromilieus umgreifenden Habitus besteht?

          Sollten sich die Plagiatsvorwürfe gegen Cornelia Koppetschs Buch „Die Gesellschaft des Zorns“ bestätigen, wäre die wissenschaftliche Fruchtbarkeit des Ansatzes von Reckwitz zusätzlich bestätigt, obwohl Koppetsch sich inhaltlich von ihm absetzen möchte. Krise des Politischen, Krise der Anerkennung, Krise der Selbstverwirklichung: So plausibel diese Stichworte der Gegenwartsdeutung waren, machte sich im Vortrag doch ein Missverhältnis von Diagnose und Therapie bemerkbar. Politische Schlussfolgerungen wollte Reckwitz aus seiner Analyse nicht ausdrücklich ziehen. Demonstrierte er damit die Objektivität, die das materialistische Setting der Klassenfrage verspricht, oder erwies er sich als typischer Angehöriger der neuen Mittelklasse, der die Flucht vor der politischen Verantwortung nachgesagt wird?

          Weitere Themen

          Klimawandel vom All aus sichtbar Video-Seite öffnen

          Astronaut bestätigt : Klimawandel vom All aus sichtbar

          Esa-Astronaut Luca Parmitano bestätigt, dass der Klimawandel für ihn sichtbar sei. Da passt es gut, dass die Klimakämpferin Greta Thunberg vom Time Magazin zur Person des Jahres gekürt wurde.

          Topmeldungen

          Wahl in Großbritannien : Auf Messers Schneide

          Im Vereinigten Königreich wird ein neues Parlament gewählt. Lange Zeit führten Johnsons Konservative die Umfragen an. Doch nun geht es um jede Stimme.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.