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Soziale Systeme : An den Grenzen des Gültigen

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Gute Wissenschaft? Die Kriterien sind vielfältig. Bild: dpa

Was ist gute Wissenschaft und was nicht? Darüber sind sich selbst gute Wissenschaftler nicht immer einig. Ein näherer Blick zeigt, wie komplex das Thema ist.

          3 Min.

          Die von außen herangezogenen Fachgutachter der großen wissenschaftlichen Zeitschriften sind sich in der Bewertung der eingereichten Manuskripte nicht immer einig. Dann kann über den Abdruck erst nach ausführlicher Diskussion im Herausgeberkreis entschieden werden. Damit aber kommen, neben den Sachkriterien, auch spezifisch soziale Motive für Einigungen hinzu. Denn anders als die isolierten Gutachter müssen die Herausgeber es langfristig miteinander aushalten, und das erzieht jeden von ihnen zu mehr Kompromissbereitschaft, als er außerhalb dieser Gruppe aufbringen würde: Um nicht den Redaktionsfrieden zu gefährden, pflegt sich am Ende auch der noch so überzeugte Gegner eines Textes beknien zu lassen. Solange eine Redaktion zu klein ist, um Dauerkonflikte ertragen zu können, wird sie sich also auch inmitten einer großen und streitlustigen Disziplin über die abzudruckenden Texte einigen können.

          In der Wissenschaftsforschung ist dieser Herausgeberanteil an der wissenschaftlichen Textkritik bis heute kein prominentes Thema. Stattdessen bemüht man sich, jenen Gutachterdissens zu erklären. Ein erster Erklärungsversuch führt die Uneinigkeit der Gutachter darauf zurück, dass sie unter teilweise unbestimmten Kriterien urteilen. Solange es neben der wissenschaftlichen Solidität eines Textes immer auch noch auf Gummibegriffe wie Originalität oder gesellschaftliche Relevanz ankomme, die jeder auf seine Weise verstehe, sei der Expertendissens geradezu vorprogrammiert. Eine zweite Hypothese besagt, dass der Gutachter über die ihm persönlich bekannten Kollegen freundlicher urteile als über Autoren, die ihm unbekannt sind.

          Sorgt Unbekanntheit für mehr Objektivität?

          Eine dritte Lesart sieht das Problem schließlich darin, dass es in allen differenzierten Disziplinen unterschiedliche Denkschulen gibt, die jeweils eigene Vorstellungen über wissenschaftliche Qualität pflegen. Da solche Bezugsgruppen oft viel zu groß sind, um nur aus persönlichen Bekannten bestehen zu können, müsste man die dadurch ausgelösten Meinungsverschiedenheiten auch dann nachweisen können, wenn Gutachter über Texte ihnen unbekannter Autoren urteilen, denn die intellektuelle Verwandtschaft wäre ja auch dann noch deutlich erkennbar. Und auch ein Verzicht auf Gummibegriffe wäre unter diesen Umständen ganz ungeeignet, die Konsenschancen zu mehren.

          Nun haben Forscher erstmals versucht, den Anteil dieses dritten Faktors zu isolieren. Ihr Datensatz stammt aus dem Gutachtenarchiv einer Online-Zeitschrift für Neurowissenschaften, deren Redaktionspolitik so etwas wie ein natürliches Experiment darstellt. Sie bittet ihre Gutachter, ausschließlich die wissenschaftliche Qualität der eingereichten Texte zu bewerten, und druckt dann aber auch jeden Text, der diese nüchterne Prüfung besteht – auch wenn es sich um die gelungene Wiederholung eines längst bekannten Experiments handelt. Das erste Problem, das der weichen Kriterien, ist damit deutlich entschärft. Außerdem können auch mehrere inhaltsgleiche Texte jederzeit aufgenommen werden. Der Publikationserfolg eines unbekannten Autors müsste hier also nicht auf Kosten des guten Bekannten gehen, der an einem ähnlichen Thema arbeitet.

          Der Weg aus der negativen Befangenheit

          Eine erste Auswertung des Datensatzes ergab freilich, dass der Gutachterdissens auch unter diesen Sonderbedingungen keineswegs geringer ausfiel als bei anderen Fachzeitschriften. Um nun nachzuweisen, dass er sich wirklich der Differenzierung in unterschiedliche Denkschulen verdankt, haben die Forscher ein Maß für den Grad der intellektuellen Verwandtschaft zwischen den Autoren der Zeitschrift und ihren jeweiligen Gutachtern konstruiert. Ein Kollege, der schon einmal gemeinsam mit mir publiziert hat, steht mir danach sehr nahe, ein anderer Kollege, der schon einmal gemeinsam mit jenem ersten Kollegen publiziert hat, schon etwas weniger und so weiter.

          Am Ende dieser Skala wird zwischen Kollegen unterschieden, die mir in intellektueller Hinsicht fern beziehungsweise sehr fern stehen. Das Ergebnis der Untersuchung lautet: mit jedem zusätzlichen Grad an intellektueller Verwandtschaft zwischen Autor und Gutachter steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Text positiv begutachtet wird. Selbst wer mir fernsteht, urteilt als Gutachter merklich freundlicher als der sehr fernstehende Kollege, und da es persönliche Bekanntschaften weder hier noch dort geben wird, spricht das doch sehr zugunsten der Bedeutung von wissenschaftlichen Schulen.

          Die redaktionspolitische Konsequenz, welche die Autoren aus diesem Befund ziehen, ist eindeutig. Es genüge nicht, den Gutachter auszuschließen, der seinen Bekannten gegenüber befangen sein könnte, und auch nicht, die Autorennamen geheim zu halten. Stattdessen müsse man Gutachter unterschiedlicher Schulen an dem Verfahren beteiligen und ihre Empfehlungen in Kenntnis ihrer sei es positiven, sei es negativen Befangenheit würdigen. Dass dies die Stellung der Herausgeber stärken würde, ist leicht zu erkennen.

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          Misha Teplitskiya et al.: The sociology of scientific validity, in: Research Policy 47(2018), S. 182

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