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Folgen der Ehe : Macht heiraten dick?

Ehemänner haben statistisch gesehen die dickeren Bäuche. Bild: dpa

Wer glaubt, dass Verheiratete sich einer besseren Gesundheit erfreuen als Singles, wird nun eines Besseren belehrt. Im Gegensatz zu ihren unverheirateten Artgenossen bringen zumindest Ehemänner mehr Kilos auf die Waage. Eine Glosse.

          Mit den Paaren in der menschlichen Gattung ist es so eine Sache. Gesellschaftlich gesehen, gehören sie zur überlegenen Kategorie. Eine lukrative Stelle, ein solides Eigenheim, Garten, Auto, Kind, Hund – und eben auch ein Ehepartner oder eine Ehepartnerin gelten als untrügliche Zeichen allseits angestrebten Erfolgs. Angehörige dieser Kategorie haben es geschafft: Sie sind im Leben angekommen und haben eine der wichtigsten Normen unserer Zeit erfüllt. Ob diese dann auch wirklich eingehalten wird, bis dass der Tod uns scheidet, spielt dabei erst mal keine Rolle.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Alleinstehende dagegen werden innerhalb ehebasierter Angehörigkeitsverhältnisse gerne mit einer Mischung aus Mitleid, Ablehnung und heimlichem Neid konfrontiert, um sodann die Zuschreibung erdulden zu müssen, sich in einem Zustand des „Noch-Nicht“ zu befinden. Noch nicht die Partnerin fürs Leben gefunden, noch nicht verheiratet, noch nicht Eigenkapital für das ultimative Eigenheim gebildet – die Ungebundenen sind degradiert zu einem immerwährenden Leben im Aufschub. Das wiederum klingt fast schon messianisch und erinnert zumindest an Ernst Bloch, mithin an die immer noch nicht verwirklichte Utopie, ach, gäbe er uns doch schon allein aus Prinzip die Hoffnung, das noch nicht Erreichte, das normativ wider besseren Faktenwissens allumfassende Glückseligkeit verspricht, endlich zu erlangen.

          Verheiratete Männer sind dicker

          Eine neue Studie aus der University of Bath könnte allerdings darauf deuten, dass wir, deren Normen womöglich so progressiv nun auch wieder nicht sind, der falschen Utopie hinterherjagen: Heiraten macht dick, können wir dort erfahren, eine Scheidung dünn – zumindest im Fall des heterosexuell orientierten männlichen Geschlechts. Wie die Zeitschrift „Social Science and Medicine“ berichtet, wurden für die Studie zwischen 1999 und 2013 heterosexuelle Paare in den Vereinigten Staaten befragt. Der Body-Mass-Index (BMI) lag demnach bei verheirateten Männern um rund drei Pfund höher als bei unverheirateten Männern. Während die Schwangerschaft der Gattin keinen signifikanten Einfluss auf den maskulinen BMI hatte, ließ sich eine Gewichtszunahme in den ersten Jahren des geborenen Kindes durchaus feststellen.

          Im Fall einer Scheidung konnte hingegen eine Gewichtsabnahme gemessen werden. Die These, dass Verheiratete sich aufgrund einer angeblich stärkeren sozialen Einbindung besserer Gesundheit erfreuten, dürfte damit zumindest in Frage gestellt sein. Nachdem sie den Bund fürs Leben geschlossen haben, scheint die Versuchung für Männer ungleich größer zu werden, reichhaltig zu speisen. Singles indes verspüren offenbar einen stärkeren Anreiz, fit und schlank zu bleiben – vielleicht um auf dem zukünftigen Heiratsmarkt besser zu bestehen, wenn das Leben denn so eindimensional ausgerichtet ist, vielleicht aber auch bloß, um sich selbst besser zu gefallen. Und was können wir, die nach Glück strebenden Individuen der Postmoderne, aus dieser empirisch gesättigten, geradezu wirklichkeitsfundierten, da körperbezogenen Ehetheorie lernen? Die frohe Botschaft könnte lauten: Wer abnehmen will, sollte sich scheiden lassen (sofern er oder sie überhaupt verheiratet ist).

          Jedoch: Ein Tor, wer glaubt, damit die radikale Emanzipation schlechthin zu vollziehen. Denn kaum haben wir uns von der einen Norm (der heterosexuellen Ehe-Norm) befreit, erliegen wir der nächsten: dem Schlankheitswahn. Ach, es ist ein Kreuz mit dem richtigen Bewusstsein, das zu erlangen uns paradiesische Zustände auf Erden verspricht. Haben wir aber nicht schon lange erkannt, dass die Ehe, in welcher geschlechtsbezogenen Gestalt auch immer, ein im Namen des gesellschaftlichen Fortschritts zu überwindender institutionalisierter Kompromiss darstellt? Und so bleibt uns am Ende nichts, als – eingedenk der Worte Ernst Blochs, dass Optimismus nur als militanter, niemals als ausgemachter gerechtfertigt sei – militant optimistisch die Ehe für keinen zu fordern anstatt die Ehe für alle.

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