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100 Jahre Thomas Kuhn : Die Normalwissenschaft weiß alle Antworten

  • -Aktualisiert am

Thomas S. Kuhn in seinem Büro am MIT, November 1989. Das Bild stammt von einem Interview über „The Nature of Scientific Knowledge“ (https://www.mprl-series.mpg.de/proceedings/8/3/index.html). Bild: Skúli Sigurdsson

Die Wissenschaft wird zwar immer besser, aber sie nähert sich der Wahrheit nicht an: Der Radikalismus und der Paradigmenwechsel von Thomas Kuhns Theorie wird immer noch unterschätzt.

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          Wenn Sie glauben, Sie seien mit Thomas Kuhn, einem amerikanischen Wissenschaftshistoriker und Wissenschaftsphilosophen, der am 18. Juli vor hundert Jahren in Cincinnati geboren wurde und am 17. Juni 1996 in Cambridge, Massachusetts, starb, noch nie in Berührung gekommen, dann irren Sie sich. Sie werden zur Kenntnis genommen haben, dass es in der deutschen Außenpolitik kürzlich einen massiven Paradigmenwechsel gegeben hat. Der Ausdruck „Paradigmenwechsel“ war bis vor sechzig Jahren vollkommen unbekannt. Er wurde 1962 in Thomas Kuhns überaus erfolgreichem Buch „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ eingeführt und hat sich seitdem in der ganzen Welt verbreitet.

          Bei Kuhn bezog sich „Paradigmenwechsel“ ausschließlich auf disruptive wis­senschaftliche Änderungen, heute wird er für alle möglichen Disruptionen verwendet. Kuhns Buch machte ziemlich bald nach seinem Erscheinen Furore, was überraschend war, weil es sich eigentlich ausschließlich auf Grundlagendisziplinen der Naturwissenschaften bezog, Astronomie, Physik und Chemie. Tatsächlich aber nahmen viele Sozial- und Geisteswissenschaftler Kuhns Terminologie auf, weil sie wissen wollten, ob es auch in ihren Disziplinen Paradigmen und Paradigmenwechsel gibt. Das Ergebnis solcher Bemühungen waren heftige Diskussionen um den Wissenschaftsstatus der jeweiligen Disziplin, und so konnte die kuhnsche Terminologie in den allgemeinen Sprachgebrauch diffundieren.

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