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Der Streit der Ministerinnen : Leben Kinder homosexueller Partner schlechter?

Das gleichgeschlchtliche Glück auf einer Hochzeitstorte. Bild: dpa

Forschungsministerin gegen Familienministerin: Es geht um die Frage, ob Kinder von gleichgeschlechtlichen Paaren Nachteile haben. Die eine beklagt fehlende Studien. Die andere hält die Sorge für längst ausgeräumt. Wer liegt richtig? Ein Faktencheck.

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          Bundesforschungs- und bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) hat in einem Interview mit dem Nachrichtensender n-tv für eine Langzeitstudie zur Frage ausgesprochen, welche Auswirkungen eine gleichgeschlechtliche Elternschaft auf Kinder hat. Sie kritisierte auch: die Ehe für alle sei überstürzt eingeführt worden. Es fehlten Langzeitstudien über das Kindeswohl. Dafür ist Karliczek inzwischen von Politikern aller Parteien kritisiert worden – auch aus der Union selbst. Tatsächlich hatte sich Karliczek bei der Abstimmung im Bundestag 2017 klar gegen die Ehe für alle ausgesprochen. Damals sagte sie: „Meine Einschätzung als Mutter dreier Kinder ist die, dass es für die Entwicklung von Kindern wichtig ist, das emotionale Spannungsfeld zwischen Vater und Mutter zu erleben.“ Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) konterte nun auf das Fernsehinterview ihrer Ministerkollegin: „Schon heute belegen Studien, dass sich Kinder in homosexuellen Partnerschaften genauso gut entwickeln wie in Familien mit Mutter und Vater."  

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Was stimmt also? Wer hat recht? Ein FAZ.NET-Faktencheck:

          Gibt es Langzeitstudien?

          Ja und nein. Die Forschungsministerin hat weder im Bundestag noch jetzt klar gesagt, was sie unter Langzeitstudien versteht. Sind fünf Jahre Beobachtung ausreichend oder sollten die Kinder beobachtet werden, bis sie Erwachsene sind? Oder sollte auch ihr Umgang mit dann eigenen Kindern in die Bewertung einfließen? Solche (aktuellen) verwertbaren Langzeitstudien gibt es international durchaus – in Deutschland wurden sie hingegen bisher noch nicht publiziert. Studien über kürzere Zeiträume gibt es aber sehr wohl, und seit Anfang dieses Jahrhunderts immer mehr. Karliczek weist also auf eine Erkenntnislücke in der Langzeitbeobachtung von schwulen und lesbischen Familien hin. Frau Giffey hat der Forderung nach einer Langzeitstudie allerdings auch gar nicht direkt widersprochen. Sie fordert vielmehr, die vorhandenen Studien zu „Regenbogenfamilien“ – lesbischen oder schwulen Paaren mit Kindern – als aussagekräftig genug zu akzeptieren. Die Frage ist deshalb nur:

          Sind die verfügbaren Studienergebnisse brauchbar?

          Giffey sagt ja, Karliczek genügt das nicht. Das Familienministerium beruft sich insbesondere auf vier neuere Quellen, darunter zwei nationale und zwei internationale:

          1. auf die vom Bundesjustizministerium in Auftrag gegebene Studie von Marina Rupp aus dem Jahr 2009: Die Lebenssituation von Kindern in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften. Sie ist im Bundesanzeiger-Verlags-Gesellschaft in Köln erschienen.
          2. auf die 2014 von Elke Jansen veröffentlichten Studien wie: „Vom Sein und Werden – Aufwachsen in einer Regenbogenfamilie". Oder, im selben Jahr mit Koautoren in zweiter Auflage erschienen:  „Regenbogenfamilien – Alltäglich und doch anders. Beratungsführer für lesbische Mütter, schwule Väter und familienbezogene Fachkräfte.“ (Köln: Familien- und Sozialverein des LSVD, S. 143-157.)
          3. Calzo, Jerel P., Vickie M. Mays, Charlotte Björkenstam, Emma Björkenstam, Kyriaki Kosidou and Susan D. Cochran (2017): „Parental Sexual Orientation and Children's Psychological Well-Being“: 2013–2015, National Health Interview Survey.
          4. Cenegy, Laura F., Justin T. Denney and Rachel T. Kimbro (2018): Family Diversity and Child Health: Where Do Same-Sex Couple Families Fit? Im: Journal of Marriage and Family Band 80 (2018), Seiten 198 – 218.

          Diese und weitere internationale Studien weisen nach dem Dafürhalten des Familienministeriums daraufhin, dass „ein Aufwachsen mit gleichgeschlechtlichen Eltern für die Kinder unproblematisch verläuft und sich im Vergleich mit Kindern, die bei verschiedengeschlechtlichen Eltern aufwachsen, keine Unterschiede bezüglich verschiedenster Entwicklungsindikatoren finden lassen.“

          Gibt es international einen Konsens zu dem Thema?

          In der internationalen pädiatrischen und sozialpsychiatrischen Fachliteratur, die es seit fast fünfzig Jahren gibt und inzwischen leicht auf den „Pubmed“-Seiten der Nationalen Gesundheitsinstitute abrufbar ist, hat sich die Zahl der Veröffentlichungen zum Kindeswohl in den vergangenen Jahren stark gehäuft. Unter dem Strich wird attestiert, was französische Forscher schon um die Jahrhundertwende als Resümee der ersten dreißig Jahre Regenbogenfamilien-Forschung in einer Metastudie festgestellt haben – und sich in etwa mit der Interpretation von Familienministerin Giffey deckt: Keine auffälligen Unterschiede zwischen Kindern heterosexueller und homosexueller Eltern. Es kommt auf die Erziehung und wie Familie gelebt wird –  nicht auf die geschlechtliche Zusammensetzung des Elternpaares. („Studies about child development, sexual orientation, gender identity, gender role behavior, emotional/behavioral development, social relationships and cognitive functioning showed no difference between children of lesbian mothers and those of heterosexual parents“.)

          Wie viele Kinder in Regenbogenfamilien gibt es überhaupt?

          Das Bundesfamilienministerium kam im Familienbericht 2017 auf „rund 7000 gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften mit minderjährigen Kindern“ in Deutschland. Nicht einmal jedes tausendste Kind lebt also in einer Regenbogenfamilie. Insgesamt zählt das Ministerium in Deutschland rund 78.000 homosexuelle Paare.

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