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Gefährliche Designer-Drogen : Der „Black Mamba“-Schock

Joint, oder wie die Amerikaner sagen: „Pot“. Bild: dpa

Ein Monat in Colorado: 263 Jugendliche kiffen Designerdrogen und klappen zusammen, sieben landen auf der Intensivstation. Warum Amerikaner für die Freigabe von gewöhnlichem Marihuana sind.

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          Wer die Bilder der Familie Obama mit ihren beiden Teenie-Mädchen im Kopf hat, konnte diesen Satz nur schwer verstehen: „Ich halte Marihuana nicht für gefährlicher als Alkohol“, sagte der amerikanische Präsident jüngst im Interview. Dass er inzwischen klar gestellt hat, er habe sich damit nicht für eine landesweit einheitliche Freigabe der „Pot-“-Rauchens ausgesprochen, relativiert seine Aussage und Überzeugungen kaum. Toxikologisch gesprochen hat er auch nicht einmal Unrecht. Letztlich kommt es auf die Dosis und das Alter an, wie der Missbrauch schadet. Schwere Schäden sind vermeidbar. Marihuana und Extrakte des Hanfgrases sind vielerorts sogar schon Medizinprodukt, freilich kontrolliert verschrieben und angewendet.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Trotzdem schüttelten viele nach Obamas Statement den Kopf. War das eine gefährliche Verharmlosung eines Staatsmanns, der früher selbst „Pot“-Partys besucht hat, oder doch ein wohldurchdachter, drogenpolitischer Vorstoß? Obama hatte die Freigabe von Marihuana im Bundesstaat Colorado und den gleichlautenden Bürgerentscheid im Hinterkopf. Es gehe vor allem darum, so ließen er und seine politischen Mitstreiter wissen, der wachsenden Drogenmafia das Wasser abzugraben, die mit ihren gefährlichen und mit Marihuana-Tests nicht nachweisbaren Alternativ-Grascocktails den Markt zu überschwemmen drohten.

          In der Silvesternacht konnten Partygänger in Colorado den freien Verkauf von Marihuana feiern

          Wie brutal es tatsächlich auf dem grauen Markt der Designer-Drogen zumindest bis zur Marihuana-Freigabe in Colorado zugeht, hat jetzt ein  Team von Klinikern um Andrew Monte von der University of Colorado School of Medicine in Aurora und der Entgiftungsklinik in Denver im „New England Journal of Medicine“ dokumentiert. In den beiden Kliniken waren zwischen dem 21. August und 19. September 2013 nicht weniger als 263 junge Leute, mehrheitlich Männer, mit Beschwerden und zum Teil schwersten Vergiftungssymptomen eingeliefert worden. 73 mussten in der Notfallstation behandelt werden, sieben waren in akuter Lebensgefahr. Die Symptome: Herzrasen oder lebensgefährlich verlangsamter Herzschlag, extreme Verwirrtheit, Krampfanfälle. Schwerste neurologische und kardiale Vergiftungssymptome.

          Was die Vergiftungswelle ausgelöst hat, war, obgleich zuerst kein Routinelabor im Umkreis den Stoff ausfindig machen konnte, bald mit Hilfe einer massenspektrometrischen Analyse im Drogenlabor von Denver entdeckt: Ein synthetisches Cannabinoid, eine neue Designer-Droge, die als Ersatzdroge für Marihuana geraucht wird und verschiedene Kräutermischungen enthält. Auf dem Drogenmarkt ist es unter der Bezeichnung „Black Mamba“ - Schwarze Mamba - schon einige Zeit im Umlauf. Wie  „Spice„ oder „K2“ - zwei noch populärere synthetische Cannaboinoide, die sogar bis zum Jahr 2011 legal beispielsweise an Tankstellen verkauft wurden - ahmt Black Mamba die Wirkung des Tetrahydrocannabinol, der Wirkstoff in Marihuana und Haschisch, im Gehirn nach: Es besetzt, sobald es mit dem Blut ins Hirn gelangt, die Rezeptoren in den für Schmerz, Appetit und Glücksempfinden mit zuständigen Hirnregionen - allerdings tun das die Verbindungen in den Designer-Drogen gut tausend Mal so effektiv. Damit ist ihre Wirkung sehr viel intensiver.

          Die Bürger in Colorado haben erst kürzlich für die Legalisierung von Marihuana gestimmt. Doch Unternehmen, die am "Grünen Rausch" teilhaben wollen, gibt es schon reichlich.

          In dem für die Notfälle verantwortlichen Grasgemisch namens Black Mamba hat man allerdings eine weitere Substanz entdeckt, ein sogenanntes „ADB-PINACA“ - ein Wirkstoff, der bisher noch nie in den synthetischen Marihuana-Mischungen gefunden worden war. Der Wirkstoff war in Colorado weder im Blut noch im Urin der Drogenopfer nachzuweisen. Weil man aber durch Nachfragen und Ermittlungen der Polizei einige Päckchen mit dem Inhalt ausfindig machen konnte, war zumindest eine Feinanalyse in vielen Fällen möglich. Wie genau der neue Drogenbestandteil die schweren Symptome auslöst, weiß noch niemand. „Vermutlich“, so berichten die Ärzte in dem renommierten Medizinerjournal, handelt es sich um eine extrem potente Verbindung und kann deshalb auch in geringen Mengen gefährlich werden.“ Jedenfalls waren nach Bekanntwerden umgehend Flugblätter in Bussen, Clubs, Schwimmbädern und Bars verteilt und dafür gesorgt worden, dass die Bevölkerung im lokalen Fernsehen vor der neuen Droge gewarnt wird.  Eine Aktion mit schneller Wirkung: Im Monat darauf wurden nur noch zehn krankenhausreife Vergiftungsfälle durch Black Mamba registriert.

          Die Sorge bei den Medizinern ist allerdings groß, dass die schnell und stark wirkenden Designer-Drogen immer wieder neu eine Anziehungskraft auf junge Leute ausüben. Immerhin: Dass das gewöhnliche Marihuana nun nach der Freigabe billig zu haben ist, wird in Colorado (und mehrheitlich auch im Bundesstaat Washington) als Chance gesehen, den Sumpf der teureren und  wesentlich gefährlicheren synthetischen Drogen trocken zu legen.

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