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Ediacara-Fossilien : Tiere ohne Eigenschaften

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Dickinsonia war eines der ersten Lebewesen, die mit bloßem Auge als solche zu erkennen sind. Jetzt wurden in ihren Fossilien Gewebereste entdeckt, die sie als echte Tiere ausweisen.

          Sie waren lebendig, so viel stand immer fest. Ansonsten gibt Dickinsonia vor allem Rätsel auf. Als Erster beschrieb sie der australische Geologe Reginald Sprigg 1947. Es waren Fossilien aus den Ediacara-Hügeln in Südaustralien, rund 550 Millionen Jahre alt. Damit stammen sie noch aus der Epoche des Proterozoikums, der „Zeit vor den Tieren“. Die heißt so, weil man bis dahin dachte, dass echte Tiere erst in der Epoche des Kambriums erschienen, die vor 541 Millionen Jahren begann.

          Die ovalen Abdrücke von Dickinsonia costata zeigen eine Mittelrippe, von der zahlreiche kleine Seitenrippen abgehen. Das war es aber auch schon: „Es ist ausgesprochen schwierig, Dickinsonia auf Basis der wenigen verfügbaren Details zu klassifizieren“, schrieb Sprigg damals. Er kenne kein Tier, zu dem sich Verbindungen herstellen ließen. So stellte er sie vorläufig in die Gruppe der Hohltiere – aber konnte sie wirklich eine Qualle gewesen sein? Die Unsicherheit blieb, obwohl man seit Spriggs Entdeckung in Australien, Russland, Kanada und anderswo Dickinsonia-Fossilien aus inzwischen neun Arten fand, darunter Dickinsonia rex mit einer Länge von über einem Meter. Und die Dickinsoniden blieben nicht allein: In den gleichen Schichten fanden sich noch andere Lebensformen, rund 200 Gattungen umfasst die sogenannte Ediacara-Fauna inzwischen. Seit 2004 heißt ihre erdgeschichtliche Epoche, die mit dem Ende der letzten globalen Eiszeit vor 635 Millionen Jahren begann und an der Grenze zum Kambrium vor 541 Millionen Jahren endete, offiziell Ediacarium.

          Weder Mund noch Darm und trotzdem ein Tier?

          Da aber die meisten Ediacara-Fossilien weder Mund noch Darm noch sonst irgendwelche erkennbaren Organe oder Gliedmaßen zeigen, geben sie Paläontologen viel Raum für Meinungsverschiedenheiten. Ihre Baupläne lassen sich keinem der später erscheinenden Tierstämme eindeutig zuordnen. War Dickinsonia vielleicht gar kein Tier, sondern ein strukturierter Pilz oder eine Kolonie von Bakterien oder Algen? Der 2014 verstorbene Tübinger Paläontologe Adolf Seilacher vermutete, bei Dickinsonia handele es sich um übergroße Einzeller, deren Körper wie eine Luftmatratze abgesteppt und in zahlreiche Kammern aufgeteilt waren. Ganz abwegig ist auch diese Theorie nicht, wie heute am Meeresboden lebende Riesenprotisten mit bis zu 25 Zentimeter Durchmesser zeigen. Aus Mangel an mehrzelliger Konkurrenz könnten solche Einzeller damals viel größer und gegliedert gewesen sein, meinte Seilacher.

          In der aktuellen Ausgabe von Science glaubt ein Team um Jochen Brocks von der Australian National University die Akte Dickinsonia endgültig schließen zu können: Es handele sich um echte, vielzellige Tiere. Das folgern die Paläobiogeochemiker aus sogenannten Biomarkern, Abbauprodukten etwa von Zellmembranen, die unter günstigen Bedingungen Äonen überdauern können. Aus Art und Zusammensetzung dieser Moleküle lassen sich zumindest grobe Rückschlüsse auf den Ursprungsorganismus ziehen. Das Sensationelle an der aktuellen Studie ist, dass es gelang, solche organischen Reste aus mehr als eine halbe Milliarde Jahre alten Dickinsonia-Fossilien von der russischen Weißmeerküste zu isolieren. „Das klappt nur in Gesteinen, die später nicht überhitzt oder bis in die Tiefe von Luftsauerstoff verwittert wurden“, sagt Jim Gehling vom South Australian Museum in Adelaide. „In unseren australischen Fundstellen haben sich praktisch keine organischen Moleküle erhalten.“ Doch mit den Fossilien aus den Klippen nahe dem Dörfchen Lyamtsa hatten Brocks und sein russischer Doktorand Ilya Bobrovskiy Glück: Mittels eines Gaschromatographie-Massenspektrometers fanden sie darin Kohlenwasserstoffe, und zwar fast ausschließlich solche mit 27 Kohlenstoffatomen. Es sind Trümmer von Cholesterin, einem im Tierreich fast universellen Baustoff für Zellmembranen. Pflanzen, Pilze oder Bakterien nutzen hier andere Verbindungen, deren Reste sich an ihren 29 Kohlenstoff-Atomen erkennen lassen. Tatsächlich lieferten solche Stoffe aus Grünalgen den Großteil des Hintergrundsignals aus dem angrenzenden Gestein, das die Forscher als Kontrolle analysierten. Dickinsonia aber muss ausweislich der gefundenen Cholesterintrümmer ein echtes Tier gewesen sein, schließt Brocks. „Die gefundene Biomarkerzusammensetzung lässt praktisch keinen anderen Schluss zu.“

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