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Akademie-Gutachten : Eine Lanze für das Fracking

Wo Schiefergas-Fracking zum großen Geschäft geworden ist: Frackingturm in Pennsylvania. Bild: dpa

Die Technik-Akademie warnt vor einem Ausstieg aus den Tiefbohrungen zur Schiefergasgewinnung. Die Forschung sollte vielmehr weiter gefördert werden. Vier „Pilotprojekt im Land schlägt sie vor.

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          Die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (Acatech) warnt vor einem völligen Verbot der Gas- und Ölförderung mit der Fracking-Technologie. „Ein generelles Verbot von Hydraulic Fracturing lässt sich auf Basis wissenschaftlicher und technischer Fakten nicht begründen“, schreibt die Akademie in einem Gutachten, das zu einer Expertenanhörung des Bundestages  veröffentlicht wurde.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Wien.

          Genauso ein völliges Bohrverbot verlangen Naturschutzverbände, Teile der Wasserwirtschaft und auch viele Umweltpolitiker. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) hatte den Bundestag schon aufgefordert, ihren eigenen, vom Kabinett für gut befundenen Entwurf zu verschärfen, wonach Ausnahmen vom Bohrverbot möglich sein sollen. Diese waren auf Druck des Wirtschaftsflügels der Union ins Gesetz gekommen. Demnach wären wissenschaftlich begleitete Probebohrungen nach Schiefergas auch in Gesteinsschichten bis zu 3000 Metern Tiefe möglich. Sollten sie nachweislich nicht die Umwelt gefährden, könnten dann auch kommerzielle Bohrungen folgen. Nach dem Gesetzentwurf würde das Bohren überall dort weiträumig verboten, wo es das Gewinnen von Trinkwasser gefährden oder einschränken könnte.

          Fracking polarisiert: Mit diesem Plakat protestierten Demonstranten in Brünen (Nordrhein-Westfalen) gegen die umstrittene Erdgasförderung
          Fracking polarisiert: Mit diesem Plakat protestierten Demonstranten in Brünen (Nordrhein-Westfalen) gegen die umstrittene Erdgasförderung : Bild: dpa

          Mit ihrer Stellungnahme folgt Acatech einer ähnlichen Positionierung der Vereinigung der europäischen Wissenschaftsakademien aus dem vergangenen Jahr. Die hatte festgestellt, dass es keine wissenschaftlich oder technisch begründete Basis für ein Fracking-Verbot gebe. Hingegen biete das europäische Regelwerk bereits heute „eine sehr gute Grundlage, um die Auswirkungen auf Gesundheit, Sicherheit und Umwelt zu minimieren“. Es seien allenfalls Anpassungen nötig.

          Die deutsche Akademie stellt ferner fest, es gebe zu den vielfach betonten Umweltrisiken des Frackings „nur wenige wissenschaftlich fundierte Untersuchungen, so dass in der Regel in der gesellschaftlichen Diskussion die Gefährdung und das Risiko durch den Einsatz einer Technologie überbewertet und der Nutzen unterbewertet werden“. Auch deshalb seien Probebohrungen wichtig, weil man damit weitere Erfahrungen sammeln und Vertrauen bilden könne. Konkret empfiehlt die Akademie seismische Messungen, eine Langzeitüberwachung von Grundwasser und Atmosphäre, das Offenlegen aller eingesetzten Stoffe, das Aufbereitung des eingesetzten Wassers und moderne Bohrverfahren, die große Strecken von einem Bohrloch aus abdecken könnten. Die Gasindustrie möge entsprechende Projektvorschläge machen.

          Blick auf ein Eruptionskreuz auf einem - zwischenzeitlich - verschlossenen Bohrloch der Wintershall Holding GmbH in Barnstorf in Niedersachsen.
          Blick auf ein Eruptionskreuz auf einem - zwischenzeitlich - verschlossenen Bohrloch der Wintershall Holding GmbH in Barnstorf in Niedersachsen. : Bild: Pilar, Daniel

          Das Acatech-Gutachten stellt auch die kommerzielle Bedeutung des Frackings für die deutsche Energiesicherheit heraus. Für Jahrzehnte würden Kohlenwasserstoffe in der Energieversorgung eine wichtige Rolle spielen. Ein Fünftel des Energieverbrauchs werde durch Gas gedeckt, davon stamme wiederum ein Achtel aus deutscher Förderung. Ohne Fracking und Schiefergasförderung gingen die schrumpfenden deutschen Reserven binnen zehn Jahren vollends zur Neige. Mittels Frackings könne Deutschland die heutige Förderungen „für viele Jahrzehnte auf dem derzeitigen Niveau fortsetzen“. In Amerika hat die Technik zu einer rasanten Ausweitung der Gas- und Ölförderung und zu einem Verfall der Preise geführt, wovon energieintensive Industrien im Wettbewerb profitieren.

          Fracking sei eine etablierte Technologie, die weltweit drei Millionen Mal eingesetzt worden sei, schreiben die Acatech-Gutachter. In Deutschland sei das in tiefen Gesteinsschichten seit 1961 der Fall, Umweltschäden seien in dem Zusammenhang „nicht bekannt“. Die Wissenschaftler beklagen auch, dass in der öffentlichen Debatten fälschlicherweise zu oft allein vom Trinkwasser die Rede sei, was zu einer Begriffsverwirrung führe. Das oft mit Salzen und anderen Mineralien versetzte Grundwasser aus den mehrere tausend Meter tiefen Schichten sei aber nicht mit dem für den menschlichen Genuss aufbereiteten Trinkwasser gleichzusetzen.

          Anders als die Wissenschaftsakademie verlangen Umweltverbände in den zur Anhörung im Umweltausschuss vorliegenden Stellungnahmen ein völliges Fracking-Verbot in Deutschland. Auch wollen sie die Regeln verschärfen, nach denen die Expertenkommission entscheidet, die die wissenschaftlichen Bohrungen begleiten und kommentieren soll. Die solle eine Empfehlungen für kommerzielle Bohrungen nur bei Einstimmigkeit abgeben dürfen. Dafür plädieren auch der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft sowie der Verband der kommunalen Unternehmen. Erst nach einer Empfehlung der aus unterschiedlichen Interessensphären besetzten Expertenkommission können die letztlich zuständigen Landesbehörden laut Gesetzentwurf darüber entscheiden, ob sie auch kommerzielle Bohrungen zulassen. Würde schon eine Gegenstimme in der Expertenkommission diese Empfehlung zu Fall bringen, dürfte es kaum je zu einem solchen Ratschlag kommen.

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