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Herlinde Koelbl im Interview : „Sie hat nie die Show gemacht“

Analytisches Denken und fehlende Eitelkeit: Angela Merkel wurde 1991 von Herlinde Koelbl zum ersten Mal fotografiert. Bild: Herlinde Koelbl.

Herlinde Koelbl hat Politiker und Wissenschaftler porträtiert – ein Gespräch über die Eigenheiten beider Berufsgruppen und wie diese sich bei Angela Merkel zeigen.

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          Frau Koelbl, 30 Jahre ist es her, dass Sie Ihr Projekt „Spuren der Macht“ begonnen haben. Darin haben Sie insgesamt 15 Politiker, Vertreter der Wirtschaft und der Medien jedes Jahr fotografiert und interviewt. Die Gemeinsamkeit aller war, dass sie sich in wichtigen Machtpositionen befanden.

          Sibylle Anderl
          Redakteurin im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Ja, dass sie neu in ein hohes öffentliches Amt gekommen sind und dass sie Zu­kunftschancen hatten, das war die Basis.

          Auffällig: Es war damals kein Wissenschaftler dabei, obwohl diese heute ebenfalls sehr stark in der Öffentlichkeit stehen. Wenn Sie Ihr Projekt noch einmal neu beginnen würden, hätten Sie heute auch Forscher berücksichtigt?

          Ich glaube, ich würde die Auswahl ge­nauso treffen. Wissenschaftler gehören einer anderen Kategorie an, insbeson­dere auch hinsichtlich ihrer Persönlichkeitsstruktur. Momentan stehen zwar ei­nige tatsächlich stark in der Öffentlichkeit. Aber die Wissenschaftler als Personen sind dennoch eher verborgen.

          Aber gilt das wirklich auch für Wissenschaftler wie etwa Christian Drosten? Ist er nicht ein Beispiel dafür, dass sich die Rolle von Wissenschaftlern stark verändert hat?

          Die hat sich absolut verändert. Aber auch Christian Drosten steht vor allem als Wissenschaftler in der Öffentlichkeit. Es wird nicht nach seinem Privat­leben geforscht oder thematisiert, was er für eine Frisur hat oder welche Kleidung er trägt. Das ist normalerweise kein Thema bei einem Wissenschaftler, bei den Politikern dagegen schon. Da liegt ein großer Unterschied in der Art von Öffentlichkeit. Angela Merkel sagte einmal, sie rechne ständig damit, fotografiert zu werden. Ein Schweißfleck un­ter dem Arm etwa ist tagelang Thema in den Zeitungen. Als Politiker legen sie sich daher automatisch eine Maske zu, um einen gewissen Schutz zu haben, da­mit man Ihnen die Emotionen nicht so­fort im Gesicht ansehen kann. Sie überlegen, welche Kleidung sie tragen, damit nicht über ihren Ausschnitt diskutiert wird.

          Psychologische Forschung mit Ka­mera und Notizblock: die Fotografin und Autorin Herlinde Koelbl
          Psychologische Forschung mit Ka­mera und Notizblock: die Fotografin und Autorin Herlinde Koelbl : Bild: © Johannes Rodach

          Ist der Unterschied auch, dass Wissenschaftler mit Sachthemen in der Öffentlichkeit stehen, während Politiker eher für Meinungen und ihre persönlichen Einschätzungen eintreten?

          Ja. Es gibt aber noch etwas Entscheidendes: Politiker wollen wiedergewählt wer­den, und sie tun sehr viel dafür. Sie müssen als Politiker die Öffentlichkeit lieben und fast exhibitionistisch veranlagt sein, weil sie in der öffentlichen Wahrnehmung immer präsent sein müssen. Die Wissenschaftler dagegen werden durch ihre Forschungsergebnisse bekannt. Dadurch sind die Wissenschaftler geschützter, weil nur diese Fak­ten eine Rolle spielen und nicht, ob sie auf Ibiza waren oder ein Segelboot besitzen. Wissenschaftler wissen, dass die Öffentlichkeit nur peripher ist, dass das Eigentliche, was sie tun, die Forschung ist. Das ist das, was sie gedanklich zutiefst beschäftigt und nicht ihre Außenwirkung. In ihrer Forschung be­sitzen sie einen Rückzugsort.

          In Ihrem jüngsten großen Projekt haben Sie sich ausschließlich mit Wissenschaftlern beschäftigt und 60 renommierte Forscher weltweit fotografiert und interviewt. War es Zufall, dass Sie dieses Projekt genau zu einem Zeitpunkt realisiert haben, an dem die Wissenschaft so sehr in den Fokus des öf­fentlichen Interesses gerückt ist?

          Ich habe das Projekt schon 2014, also vor der Pandemie, begonnen. Ich habe mehrere Jahre daran gearbeitet, zwei Jahre hochintensiv. Mein Ziel war, die Wissenschaftler und das, was sie tun und herausgefunden haben, in der Ge­sellschaft stärker sichtbar und verständlich zu machen, vielleicht auch junge Menschen zu inspirieren, ebenfalls so ei­nen Weg zu gehen. Mich hat es gereizt, hinter die Kulissen zu schauen. Ich wollte auch der Persönlichkeit der Wissenschaftler näherkommen. Was hat sie zum Wissenschaftler gemacht? Diese Le­­benswege finde ich immer spannend: Was bringt einen zu einem bestimmten Punkt und warum?

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