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Forschungspolitik : Komm unter meine Fittiche

  • -Aktualisiert am

Jahrelang galt „Caesar” als Prestigeobjekt Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Vorbei sind die Zeiten, in denen das Bonner Forschungsinstitut „Caesar“ als „Leuchtturm der Wissenschaft“ gefeiert wurde. Weil der wirtschaftliche Erfolg ausbleibt, müssen die Nanotechnologen jetzt um ihre Zukunft bangen.

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          Zu hören waren dieselben Formeln, mit denen Forschungspolitiker auch heute gerne ihre vermeintlichen Wohltaten in den Himmel loben, ob nun den Elitewettbewerb der Hochschulen oder die mit peppigen Kürzeln präsentierten Forschungsförderprogramme. Der Unterschied besteht nur darin, daß bereits zehn Jahre vergangen sind, seit das Bonner Forschungsinstitut „Caesar“ mit großer Begeisterung als „Leuchtturm der Wissenschaft“, als „Denkfabrik nach amerikanischem Vorbild“ und „Hort der Spitzenforschung“ gefeiert hat.

          Am heutigen Freitag fällt der Wissenschaftsrat in seiner Plenarsitzung sein Urteil über Caesar, das „Center for Advanced European Studies and Research“. Auch wenn die rund zweihundert Mitarbeiter unermüdlich daran festhalten, daß sie an Biochips, Nanotechniken und intelligenten Materialien wegweisende Forschung betreiben, nun auch die gewünschten Patente liefern und ihr Potential noch gar nicht ausschöpfen konnten, gilt es als ausgemacht, daß das Institut wenig Zukunft hat.

          Nur noch wenige treue Freunde

          Die Max-Planck-Gesellschaft, zunächst als Beraterin bestellt, meldete schon ihr Interesse an, die formschöne Immobilie in den Bonner Rheinauen zu übernehmen und in ein Forschungszentrum für Neurowissenschaft unter eigener Regie zu verwandeln. Das einstige Prestigeprojekt der deutschen Forschungspolitik hat nur noch wenige treue Freunde.

          Dabei war alles so gut überlegt und so gut gemeint. Zum Ausgleich für den Verlust der Hauptstadtfunktion sollte Bonn reichlich entschädigt werden. Damals ging die Angst um, nach dem Abzug von Beamten und Politikern könnte Bonn einschlafen und veröden. Was bot sich Zukunftsweisenderes an als ein Forschungsinstitut, wie es sich Wissenschaftler sonst nur erträumen? Ausgestattet mit einem Stiftungskapital von 750 Millionen Mark, machte die Stiftung Caesar den größten Einzelposten unter den 1,7 Milliarden Euro umfassenden Ausgleichszahlungen des Bundes an die Stadt Bonn aus - und bildete zugleich die größte Hoffnung.

          „Es war eine Kopfgeburt“

          Der erfahrene Forschungspolitiker Wolf-Michael Catenhusen, als Staatssekretär im Bundesforschungsministerium bis zu seiner Pensionierung Vorsitzender des Stiftungsrates von Caesar, erinnert sich: „Auf dem Papier sah damals alles ideal aus, es war für die kreativen Häuptlinge der Wissenschaft ein Riesenerfolg, daß Caesar ins Leben gerufen wurde.“ Das Institut sollte zugleich Spitzenforschung betreiben und wirtschaftlich erfolgreich sein.

          Die besten Forscher sollten mit einem eigens konzipierten Tarifvertrag bestens bezahlt, aber auch wieder abgestoßen werden, falls ihre Forschung keine Früchte trägt. Heute sagt Catenhusen: „Es war eine Kopfgeburt, man wollte zu viel auf einmal, und jeder wollte mitreden, vom Oberbürgermeister bis zur Telekom. Die Forscher sind Opfer der Strukturen.“

          Der Anfang war holprig, es dauerte lange, bis ein Gründungsdirektor gefunden und die teure Immobilie bezogen war. Der Wissenschaftsrat nahm darauf wenig Rücksicht und begutachtete das Institut im Jahr 2004 so, als ob es viele Jahre reibungslosen Betriebs hinter sich gehabt hätte. Die Prüfer monierten vor allem, daß die Caesar-Mitarbeiter es nicht schafften, ihre Erkenntnisse in Patenten und Firmengründungen umzusetzen und das Stiftungskapital zu mehren. Daß nach der Implosion der „New Economy“ riskante Firmengründungen nicht gerade leicht waren, stimmte den Rat nicht gnädiger.

          „Feindliche Übernahme“

          Das Gutachten, das aus Sicht der Belegschaft zur ungünstigsten Zeit kam, führte im Berliner Forschungsministerium zu einem Stimmungsumschwung ins Negative. Doch nicht die Fraunhofer-Gesellschaft, die für Anwendungsnähe steht, sondern die Max-Planck-Gesellschaft wurde um Rat gebeten, was Caesar von den Spitzenforschern lernen könne. So viel, urteilte Max-Planck-Präsident Peter Gruss, der die Kommission persönlich leitete, daß Caesar und sein Kapital doch am besten unter seine Fittiche kommen sollten.

          Unter Mitwirkung des früheren Bonner Neurowissenschaftlers Otmar Wiestler, der inzwischen zum Leiter des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg aufgestiegen ist, wurde die Idee geboren, komplementär zum Institut „Life & Brain“ des Stammzellforschers Brüstle künftig in der Hülle von Caesar Neurowissenschaft zu betreiben. Die Belegschaft von Caesar wetterte intern gegen eine „feindliche Übernahme“, schlug aber offiziell vor, Neuroforschung doch neben bisherigen Aktivitäten ins Portfolio aufzunehmen. Es stehen sich jetzt also zwei konträre Konzepte gegenüber. Formal entscheidet der Stiftungsrat von Caesar am 2. Juni, was mit Institut und Wissenschaftlern passiert. Das Votum des Wissenschaftsrats dürfte nun aber erneut die Richtung vorgeben.

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