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Forschungspolitik : Ach, wie schön ist Europa

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Auf dem Weg zur "wettbewerbsfähigsten wissensbasierten Volkswirtschaft der Welt" hat die Europäische Union noch einen langen Weg zurückzulegen. Bis 2010 will man Amerika und Asien an Innovationskraft überflügeln.

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          Auf dem Weg zur "wettbewerbsfähigsten wissensbasierten Volkswirtschaft der Welt" hat die Europäische Union noch einen langen Weg zurückzulegen. Will man das Ziel, Amerika und Asien an Innovationskraft zu überflügeln, bis 2010 erreichen, wie es die Staatschefs der Gemeinschaft vor fünf Jahren in Lissabon beschlossen haben, ist Eile geboten. Denn zur Halbzeit ist keineswegs die Hälfte der Wegstrecke erreicht. Noch immer liegen die Forschungsausgaben der EU-Staaten, bemißt man sie im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt, mit zwei Prozent weit hinter denen Amerikas, die sich auf knapp drei Prozent belaufen. Zudem ist noch nicht zu erkennen, wo jene 700.000 zusätzlichen Wissenschaftlerstellen entstehen werden, die der EU-Kommission zufolge gebraucht werden, um Europa fristgerecht zur Großmacht der Wissenschaft zu machen.

          Viele Mitgliedsstaaten lahmen, doch zumindest in Brüssel wird die "Lissabon-Strategie" emsig verfolgt, wie in diesen Tagen nicht nur an der Ankündigung von Kommissionspräsident Barroso deutlich wird, der Anteil der Forschungsausgaben am EU-Budget werde deutlich steigen, womöglich sogar verdoppelt. Mit der bevorstehenden Schaffung eines Europäischen Forschungsrates, in dem statt Beamten Wissenschaftler die Gelder nach ihren Maßstäben vergeben dürfen, wird das wichtige Bekenntnis zur freien Grundlagenforschung gegeben. Mit großer Energie arbeiten die Brüsseler Forschungsstrategen zudem an einer Mobilmachung der akademischen Jugend. Binnen kurzer Zeit sind in allen 25 EU-Staaten "Mobilitätszentren" entstanden, die dem Nachwuchs Karrierepfade quer durch die Gemeinschaft legen, um eine gemeinsame wissenschaftliche Identität zu stiften.

          Datenbank für Forscher in Amerika

          Beachtlich - und aus amerikanischer Sicht vielleicht beunruhigend - ist aber besonders der Versuch, von Brüssel aus jene rund hunderttausend Forscher anzusprechen, die aus Europa weggegangen sind, um in Amerika zu arbeiten. Das Projekt, mit diesen Wissenschaftlern in Kontakt zu kommen, sie untereinander zu "vernetzen" und sie regelmäßig mit Informationen über Forschungspolitik, Forschungszentren und Forschungsförderung in der EU zu versorgen, diene nicht der direkten Rückwerbung, heißt es in Brüssel. Vielmehr gehe es darum, die in Amerika tätigen Europäer "nicht als Verlust zu sehen, sondern als Schatz zu behandeln", da sie wertvolle Kooperationen anbahnen könnten. Das muß man wohl aus diplomatischen Gründen so sagen, um jene Emails aus Europa, die in den vergangenen Monaten in amerikanischen Labors eingegangen sind, nicht als frontale forschungspolitische Attacken auf Amerika erscheinen zu lassen.

          Dennoch wird der Plan, eine Datenbank der in Amerika forschenden Europäer aufzubauen und diese Gruppe gezielt anzusprechen, ganz offiziell als Teil der Marketing-Bemühungen für die "European Research Area" (ERA), also für den gemeinsamen europäischen Forschungsraum, eingestuft. "ERA-Link" heißt das Vorhaben, zu dessen Vorbereitung im Oktober und November eintausend Wissenschaftler angeschrieben wurden, mit der Bitte, einen Fragebogen auszufüllen. Zweitausend Antworten gingen ein, hauptsächlich von Postdocs und erfahrenen Forschern aus den Naturwissenschaften. Es ist bei solchen Befragungen nicht klar, wie repräsentativ sie sind, doch einige Botschaften haben die Forschungsdemoskopen für die EU-Kommission nun zusammengetragen.

          Noch geringe Resonanz

          Zum einen scheint das ehrgeizige Lissabon-Ziel der EU bisher wenig Strahlkraft entwickelt zu haben. Nur jeder fünfte Antwortende hatte vom Großprojekt des Europäischen Forschungsraumes überhaupt schon etwas gehört, nur jeder siebte kannte Informationsdienste der EU wie das "Mobilitätsportal", mit denen schon heute über Karrierechancen und neue Forschungszentren in Europa aufgeklärt wird, und nur jeder fünfte wüßte, wie er in einem EU-Land außerhalb seiner Heimat nach einer Stelle suchen könnte. Andererseits spricht aus den Fragebögen ein riesiger Bedarf nach mehr Informationen über die Forschungslandschaft der EU. Vielleicht, so hoffen die Strategen in Brüssel, gibt es in Amerika mehr EU-Bürger mit Heimweh, als gemeinhin angenommen wird.

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