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Forschung : Zentren des Aufbruchs

  • -Aktualisiert am

Klangfeldsynthese: Forschung am Fraunhofer-Istitut in Illmenau Bild: dpa

Die Wissenschaft könnte helfen, die Entvölkerung der ostdeutschen Bundesländer zu stoppen. Forschung zieht an, was am dringendsten gebraucht wird: junge, qualifizierte, tatendurstige Menschen.

          6 Min.

          Würden die Klischees von Ostdeutschland stimmen, dürfte es Orte wie Ilmenau gar nicht geben. Die kleine Stadt liegt fernab der Wirtschaftszentren im thüringischen Bergland. Hier sollte eigentlich morbide Stimmung herrschen - doch überall sind Zeichen des Aufbruchs zu sehen. Der Campus der Technischen Universität ist eine Baustelle. Hier entsteht ein riesiger Hörsaal, dort ein neues Laborgebäude der Maschinenbauer. Zu den Glanzstücken zählt das Zentrum für Mikro- und Nanotechnologien (ZMN), ein Institut, in dem seit Frühjahr 2002 die Forscher von neun Lehrstühlen zusammenwirken. "Wer Nanoforschung betreiben will, findet hier die interdisziplinäre Atmosphäre und all die teuren Geräte, die dazu notwendig sind", sagt Herwig Döllefeld, der von der Universität Hamburg in die thüringische Provinz gewechselt ist. Der Zulauf sei groß. Soeben werden Labors umgebaut, um zwei neuen Nachwuchsgruppen für Nanobiotechnologie Platz zu bieten. Sie bilden eines von sechs "Zentren für Innovationskompetenz", die sich kürzlich in einem Wettbewerb des Bundesforschungsministeriums durchgesetzt haben. Jedes Zentrum bekommt bis 2009 bis zu zehn Millionen Euro, um Nachwuchsforscher aus dem In- und Ausland anzuwerben.

          Ilmenau ist ein Beleg für jenen Optimismus, den Repräsentanten der Wissenschaft für Ostdeutschland aufbringen: "Investitionen in die Wissenschaft sind die einzige Chance, den Osten wirtschaftlich auf die Beine zu bekommen", sagt Karl Max Einhäupl, der als Vorsitzender des Wissenschaftsrats den vielleicht besten Überblick über die deutsche Forschungslandschaft hat. Erst am Dienstag wurde in Ilmenau ein Fraunhofer-Institut eröffnet, das sich der Digitalen Medientechnologie widmet. Zahlreiche Unternehmen sind im Umkreis der TU entstanden.

          Kein Qualitätsunterschied

          Vergreisung, Entvölkerung, Verdummung, Geldverschwendung - das sind die harten Schlagwörter der neu aufgeflammten Diskussion um die Zukunft Ostdeutschlands. Weitgehend unbemerkt von denen, die nur Siechtum und Subventionsgräber wahrnehmen, ist aber eine eindrucksvolle Forschungslandschaft entstanden. Bund und Länder haben Fördergelder für Kohle-Rekultivierung und Spaßbäder verschwendet. Wo das Geld aber in Hochschulen und Forschung floß, sind - auch außerhalb der Boomregion Dresden - Zentren der Zuversicht entstanden.

          Ernst-Ludwig Winnacker, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), kommt von seinen zahlreichen Dienstreisen in die neuen Bundesländer regelmäßig ermutigt zurück: "Der Osten wird schlechtgeredet; zumindest in der Wissenschaft geht es gut voran", sagt er. "Von der Qualität der Forschung her steht der Osten dem Westen in nichts nach", beteuern Winnacker und Einhäupl unisono. Da sich Großinvestoren nicht massenhaft in den Osten locken lassen, sehen die Forschungs-Repräsentanten keine Alternative dazu, an der Wurzel zu beginnen: Mit guten und gut ausgestatten Forschern sowie den kleinen und mittelgroßen Unternehmen einer Region.

          Forschung zieht an

          Die Wissenschaft wird damit zugleich zum Schlüssel, die Entvölkerung des Ostens aufzuhalten. Forschung zieht an, was angesichts des demographischen Wandels in den nächsten Jahrzehnten am dringendsten gebraucht wird: junge, qualifizierte, tatendurstige Menschen. Wenn etwas jene Investoren anlocken kann, die bisher ausgeblieben sind, dann ist es die Nähe zu solchen Menschen. Soeben hat das "Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung" prognostiziert, daß bis 2020 zwischen Usedom und Fichtelgebirge ein menschenleerer Raum entstanden sein wird. Entgegenwirken können die Kommunen in und um diesen Korridor der Alterung nur, wenn sie für junge, qualifizierte Menschen und ihre Familien attraktiv bleiben. Universitäten und Forschungsinstitute tragen dazu schon jetzt massiv bei. Dreißigtausend Einwohner hat Ilmenau. 7500 Studenten und 1300 Angestellte sind an der Universität tätig. Die Arbeitslosenquote liegt bei katastrophalen 19 Prozent - doch man stelle sich vor, was hier ohne die TU passierte.

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