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Wissenschaftsjournalisten : Prüfen, prüfen, prüfen

Demonstration von Querdenken 711 Mitte September. Bild: EPA

Er kann rechnen, reflektieren, und er klagt an: „Totschweigen“ habe Methode in der Corona-Berichterstattung, schreibt der Leser. Kein Einzelfall. Hintergeht der Wissenschaftsjournalismus den großen Popper? Eine Antwort.

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          Wem gebührt das Recht, zu bestimmen, was „wahr“ ist in der Covid-19-Forschung, wenn der Irrtum doch erkennbar Teil des Geschäfts ist? Und was wird auf der anderen Seite wegen erkennbarer Irrtümer ignoriert? Ein 54 Jahre alter Betriebswirt, Jakob Luttermann aus Hamburg, der mit Immobilien Geschäfte macht und sich als „glühender Anhänger der parlamentarischen Demokratie, der sozialen Marktwirtschaft und einer offenen Gesellschaft im Sinne Poppers“ zu erkennen gibt, hat in einem persönlichen Brief an den Autor dieser Zeilen solche Fragen aufgeworfen. Er hat es anders formuliert, sichtlich zerknirscht und tadelnd. Aber ein Verschwörungstheoretiker ist er kaum.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Der Briefschreiber wendet sich an den Wissenschaftsjournalisten als Teil eines „Organs der offenen Gesellschaft“. Seine eigene Medien- und Gesellschaftsthese ist einschlägig: Indem die Corona-Berichterstattung „andersdenkende Experten“ ignoriert, indem die Medien diese „geradezu totschweigen“, setzen sie die Demokratie aufs Spiel. Auch Namen der Andersdenkenden werden genannt: Ioannidis, Bhakdi, Wodarg.

          In den sozialen Netzwerken haben diese drei Männer ein großes Publikum. Das weist sie allerdings noch nicht als Covid-19-Experten aus. Wer möchte, kann zur ersten Abklärung vorgehen, wie es der Philosoph Grundmann in seinem Beitrag  „Mit Wikipdia durch die Corona-Kontroversen“ vorschlägt. Die sensible Frage hier lautet: Die „andersdenkenden Experten“ nicht zu berücksichtigen mit ihren unkonventionellen Auslegungen empirischer Daten – ist das schon ein Angriff auf Karl Popper und seine offene Gesellschaft? Hat die Wissenschaftsberichterstattung totalitäre und antidemokratische Züge angenommen in der Pandemie?

          Psychoterror der Desinformation

          Die kurze Antwort für alle, die es mit einer derartigen Auslegung Poppers halten, lautet: Der Eindruck täuscht. So wenig wie die Virologie oder die Epidemiologie und die klinischen Disziplinen eine geschlossene Gesellschaft geworden sind, ausweislich Zehntausender frei zugänglicher Covid-19-Publikationen und ihrer Begutachtungen (zum Fall John Ioannidis siehe hier), so wenig schottet sich der Wissenschaftsjournalismus gegen kritische Stimmen ab. Andersherum: Noch nie war angesichts der grassierenden Unsicherheiten mit Blick auf den Pandemieverlauf die Offenheit so groß. Viel hilft aber nicht unbedingt viel. Mindestens neunzig Prozent des täglichen Recherchebudgets nimmt die kritische Lektüre nach allen Seiten ein, insbesondere in wissenschaftlichen Primärquellen. Danach wird abgewogen: Was hat Gewicht, jenseits des Spezialfachs? Was muss und was kann angesichts begrenzter Ressourcen berichtet werden? Das ist kein Rosinenpicken, sondern ein Auswahlverfahren nach Relevanz, Kompetenz und Fehlern. Nicht das Formulieren von vermeintlich Wahrem beschäftigt die Medien, sondern die Selektion von mutmaßlich Unwahrem und (aufgrund methodischer Schwächen) Überflüssigem.

          Die Aufgabe des Wissenschaftsvermittlers und -kritikers muss also geradezu darin bestehen, wie in dem Brief beklagt wird, „andere Meinungen nicht zur Sprache kommen zu lassen“. Meinungspluralismus ist wertvoll, so wie jedes Ergebnis zählt – zumindest bis zur Falsifikation, um bei Popper zu bleiben. Aber aufklärerischer Pluralismus bedeutet nicht, jede Minderheitenmeinung gleichwertig zu behandeln – solange nicht besondere und nachvollziehbare Beweise vorliegen, mit denen das mühsam aufgebaute (oder sich abzeichnende) wissenschaftliche Mehrheitsvotum in Frage zu stellen ist. Wir kennen dieses moralische Diktum aus der Klimaberichterstattung: Gleichbehandlung als demokratische Pflicht. Jede Position muss „gültig“ sein. Ein Propagandatrick.

          Denn natürlich gibt es kein Grundrecht auf Aufmerksamkeit, nicht an freie, unabhängige Medien gerichtet und schon gar nicht wider besseres Wissen auf Seiten der Journalisten. Es gibt sie auch dann nicht, wenn die Echokammern der sozialen Medien überquellen mit Behauptungen. Oder gerade dann: Qualitätsmängel sind im Netz kein Ausschlusskriterium, hier darf jeder Experte sein. Der Psychoterror der Desinformation aber, die in der Pandemie selbst epidemische Ausmaße angenommen hat, lässt sich nur dadurch eindämmen, dass die prekäre Auslese auf die Spitze getrieben wird.

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