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Wissenschaft in Krisenzeiten : Die Zeit der Kathedralen

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Helmut Schmidts Lieblingsphilosoph (nach Kant), in Wien 1983: Der Weltruhm von Karl Popper illustriert, dass die Wissenschaft in der Nachkriegszeit als Projekt des prinzipiellen Zweifels galt. Bild: Picture-Alliance

Haben die Geisteswissenschaften mit ihrem Konstruktivismus das Ansehen der Wissenschaft ruiniert? Das Gegenteil ist wahr: Nie stand die Forschung so glänzend da wie im Kalten Krieg, als der Zweifel zum Bauprinzip wurde. Und das scheint sich derzeit zu wiederholen.

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          Nach dem Ende der Buschfeuer-Saison wird in Australien alles beim Alten bleiben. Schon jetzt verkünden Politiker, das Land habe alles getan, jeder weitere Schritt sei ökonomisch Unsinn, und wissenschaftlich sei nichts bewiesen. Gegen Lobbyisten ist der Konsens von 99,94 Prozent der einschlägigen Fachpublikationen machtlos. „Der provozierte Vertrauensbruch zwischen bestimmten politischen Akteuren und der etablierten Wissenschaft“, schrieb Joachim Müller-Jung am 6. Januar in dieser Zeitung, „hat alle Merkmale eines Horrorfilms“, der Wirklichkeit wird.

          Wenn die besten Naturwissenschaftler eines Landes keinen Zugang mehr zum Dickschädel eines Premierministers oder Präsidenten finden, was können dann die Geisteswissenschaftler ausrichten? Wäre es nicht besser, die Geistes- und Sozialwissenschaften abzuschaffen, um die faktengetreuen Naturwissenschaften von deren Interpretationswut institutionell zu trennen? Haben die poststrukturalistischen Geisteswissenschaften nicht massiv zum Schlamassel der „Fake News“ beigetragen, durch ihren verführerischen Drang, die Wirklichkeit durch ihre Betonung sozialer Erfindungen und kultureller Relativität abzuschaffen? Diese Ansicht formulieren allerdings meist Geisteswissenschaftler, und zwar als Selbstanklage.

          Für Außenstehende sind die Geisteswissenschaften zu unwichtig, um als Sündenbock für die Entfremdung zwischen Wissenschaft und Politik dienen zu können. Im Jahr 2000 gaben unter den registrierten Wählern der Vereinigten Staaten 60 Prozent der Demokraten und 50 Prozent der Republikaner zu Protokoll, sie glaubten der Wissenschaft, dass es einen menschengemachten Klimawandel gebe. Zehn Jahre später waren es 70 Prozent gegen 30 Prozent, und seitdem ist das Verhältnis auf 90 zu 10 gestiegen. Die Schere zwischen Wissenschaftsleugnung und Akzeptanz öffnet sich immer weiter, ohne dass man den Einfluss der Geisteswissenschaften dafür haftbar machen könnte.

          Wenn man eine Generation weiter zurückgeht, stößt man hingegen auf eine tumultartige Epoche der akademischen Selbstkritik, der Suche nach wissenschaftstheoretischen Begründungen und Alternativen. Auch unter Naturwissenschaftlern und Ingenieuren war die Ambivalenz gegenüber der eigenen Forschung vor und nach Vietnam auf dem Höhepunkt, mitsamt einer langfristigen Verlagerung der amerikanischen Forschungsförderung vom militärisch-industriellen Komplex zur Privatwirtschaft und Medizinforschung. Das Wissenschaftsprestige selbst stand dabei kaum in Frage. Im Gegenteil, man versuchte bis in die achtziger Jahre in allen Fachrichtungen, die wissenschaftliche Diskussion durch Methodenkritik zu steigern und zu ergänzen.

          Big Science und große Skepsis

          Im Nachhinein erkennt man die Gründe. Der Kalte Krieg machte die wissenschaftliche und technologische Entwicklung zum unbezweifelten Prüfstein der Konkurrenz. Auch die Klimaforschung war ein Kind dieser Systemkonkurrenz, insbesondere der Raumfahrt und Satellitentechnik, die sich mit zivilen Zielen tarnte und dabei auf die Umweltikone und die Weltraumdaten des Blauen Planeten stieß. Vom Prestige dieser Ersatzeroberungen und von der Expansion höherer Bildungsanstalten profitierten alle Fächergruppen: die Naturwissenschaften mit ihrer Vervielfachung von Laboratorien und Messgrößen, die Sozialwissenschaften mit ihren Gestaltungsansprüchen und Grundlagenkrisen und die Geisteswissenschaften oder „Humanities“, deren amerikanisches und deutsches Programm im Erwerb von Bildung und Mündigkeit lag, auch mit Hilfe von Textinterpretationen, die Standpunkte abwogen und Raum für konträre Formen der Meinungsbildung schufen.

          Wenn Kulturwissenschaftler glauben, der Relativismus und Konstruktivismus ihrer Fächer habe zur Wissenschaftsskepsis und Faktenüberdrüssigkeit heutiger Leser, Wähler oder Politiker beigetragen, sollten sie das an alten Fernsehsendungen überprüfen. Nie war das Prestige der interviewten Grundlagenforscher und Geisteswissenschaftler so groß wie in der Zeit, in der die Wissenschaftsforschung zum Konstruktivismus überging. Relativismus und Unterdeterminiertheit waren die tragende Konstruktion der Wissenschaftstheorie, aus dem einfachen Grund, dass der eine Staatenblock sich zum Vertreter der wahren Wissenschaftsfreiheit erklären musste und der andere auch, so dass sich beide Blöcke durch ihre keilförmigen Brückenelemente – in der Baukunst Kämpfer, Anfänger und Schlusssteine genannt – in der Luft hielten.

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