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Wissenschaft im Lockdown : Füttert die Mäuse, Rettet die Forschung!

In Science berichteten amerikanische Wissenschaftler, wie sie auf Anweisung ihrer Universitäten massenweise Labormäuse, ohne sie wissenschaftlich zu nutzen, töten mussten. (Symbolbild) Bild: dpa

Mit der Corona-Pandemie rückte die Wissenschaft ins Rampenlicht. Vor allem die Virologie. Doch was ist mit den Disziplinen, die unter Sars-Cov-2 leiden?

          7 Min.

          1. Junge Wissenschaftler vor dem Aus

          Durch das Mikroskop beobachtet sie, wie das Leben beginnt. Sieben Tage die Woche arbeitet die Biochemikerin Antonia Weberling im Labor an der Universität Cambridge, an manchen bis zu zwanzig Stunden. Für ihre Doktorarbeit untersucht sie, wie sich ein Embryo am Anfang der Schwangerschaft in der Gebärmutter einnistet. Der Prozess ist erst in Ansätzen verstanden und klappt nur in zwei von drei Fällen. Als es Weberling gelingt, die Transformierung eines Embryos während der Einnistung erstmals zu filmen, entscheidet sie: Statt wie gewöhnlich eine Publikation will sie gleich fünf veröffentlichen. Ihre Grundlagenforschung könnte einmal Paaren helfen, die sonst keine Kinder kriegen können. Dann kam Corona. Nach Monaten des Stillstands konnte sie zwar ihre Experimente fortsetzen, dennoch steht die 28-Jährige vor dem Aus: Wie es scheint, will die Europäische Kommission nach drei Jahren ihr Stipendium nicht weiterfinanzieren, obwohl sie unfreiwillig mehr als sechs Monate verloren hat.

          Johanna Kuroczik
          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zahllosen Wissenschaftlern ergeht es ähnlich. Forschungsprojekte werden für einen bestimmten Zeitrahmen geplant, Gelder entsprechend bewilligt. Dass die Labore und Universitäten geschlossen blieben, wirft alle um Monate zurück. Schon vor der Pandemie mussten sich junge Wissenschaftler, die sich der Forschung widmen, für ein Leben in Ungewissheit entscheiden. Sie hangeln sich von der Doktorandenstelle zum Postdoc, darauf folgen befristete Anstellungen, die großen Einsatz fordern, aber kaum Sicherheit bieten. Die Krise hat sie hart getroffen, wie eine Umfrage der britischen Organisation Vitae unter 4800 Wissenschaftlern ergab: Bis Mitte Mai wurde demnach nur einem Zehntel der Forscher, deren Finanzierung 2020 ausläuft, eine Verlängerung angeboten. Zwei Drittel aller Befragten sorgten sich um ihre Zukunft, Doktoranden berichteten von mehr negativen Auswirkungen der Krise als angestellte Forscher. Einige Länder haben das Problem in Angriff genommen. In Großbritannien werden Stipendien pauschal verlängert, die Deutsche Forschungsgemeinschaft bietet eine Finanzierung für mehrere Monate an. Doch EU-Stipendiaten fallen durchs Raster.

          Antonia Weberling forscht an der University of Cambridge.
          Antonia Weberling forscht an der University of Cambridge. : Bild: Privat

          Antonia Weberling wird über die renommierten Marie-Sklodowska-Curie-Maßnahmen, kurz MSCA, finanziert. Dabei handelt es sich um ein Förderprogramm der Europäischen Kommission, das in den vergangenen sieben Jahren über ein Budget von mehr als sechs Milliarden Euro verfügte und Teil des europäischen Forschungsprogramms Horizont 2020 ist. Nur zehn bis fünfzehn Prozent der Bewerber werden angenommen, derzeit sind etwa 7500 Wissenschaftler an MSCA-Projekten beteiligt; ein Stipendium finanziert die Forschung und Lebenshaltungskosten. Für einen überwiegenden Teil der Stipendiaten sei bereits eine Lösung gefunden worden für die Verzögerungen, heißt es von einer Sprecherin der Kommission auf Anfrage. „Bei mir hat sich niemand gemeldet“, sagt Weberling. Nachdem sie einen offenen Brief an Ursula von der Leyen veröffentlichte, in dem sie der Kommissionspräsidentin ihre Situation schildert, erhielt sie in sozialen Netzwerken Hunderte Nachrichten von anderen MSCA-Forschern, die vor dem gleichen Problem stehen.

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