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Wissenschaft im Lockdown : Füttert die Mäuse, Rettet die Forschung!

3. Turbo-Wandel in der Medizin-Forschung

Die Corona-Pandemie hat die medizinische Forschungswelt förmlich unter Strom gesetzt. Die Fachzeitschriften scheinen überzuquellen mit News zu Covid-19, statt Jahren dauert es heute Tage, bis Ergebnisse öffentlich werden. „Es gibt ja eine ganze Palette an Symptomen, die man erforschen kann: Gefäßschäden oder Geruchsverlust beispielsweise“, sagt Annette Schmidtmann, sie leitet die Abteilung für „Fachliche Angelegenheiten“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Aus allen Bereichen der Wissenschaft, von Zahnheilkunde bis Linguistik, bewerben sich hier Forscher um finanzielle Unterstützung. Zwei große Ausschreibungen zu Sars-CoV-2 hat die DFG in diesem Jahr gestartet, insgesamt wurden dabei 390 Anträge eingereicht. „Das zeigt, wie groß der Bedarf ist“, sagt Schmidtmann. Doch viele Mediziner sorgen sich nun, dass die Studien, die nichts mit Corona zu tun haben, auf der Strecke bleiben. „Die Förderung der Forschung in allen übrigen Bereichen läuft unvermindert weiter“, beruhigt Schmidtmann. Bisher seien nicht weniger Förderanträge aus anderen Disziplinen eingegangen als im Vorjahr. Womöglich zeigt sich das erst in einigen Monaten. Denn selbst in der Medizin mussten Projekte dieses Frühjahr pausieren, an der psychiatrischen Klinik der Berliner Charité etwa, an der eine große Studie zum kritischen Alkoholkonsum läuft. „Fast drei Monate lang gab es einen Stopp“, sagt Chefarzt Andreas Heinz. Mittlerweile würden wieder Patienten rekrutiert, unter strengen Hygieneauflagen. Zählen Probanden zu Risikogruppen, gestaltet sich alles schwieriger.

Auf  Objektträgern werden Teile des menschlichen Gewebes befestigt, um sie unter dem Mikroskop zu betrachten.
Auf Objektträgern werden Teile des menschlichen Gewebes befestigt, um sie unter dem Mikroskop zu betrachten. : Bild: dpa

Krebspatienten würde man intuitiv als besonders gefährdet einschätzen, doch im Bereich der Onkologie der Universitätsmedizin Göttingen liefen zum Beispiel durchgehend klinische Studien. „Einige Kliniken haben sogar bei krebskranken Covid-Patienten Stammzelltherapien durchführen können“, sagt Chefarzt Lorenz Trümper. Er ist begeistert, wie schnell sich weltweit Forschungsnetzwerke gebildet haben: „Die Wissenschaftscommunity hat sehr gut zusammengearbeitet.“ Zum Beispiel wurde von der Universitätsklinik Aachen eine elektronische Plattform für Autopsiebefunde der verstorbenen Covid-19-Patienten geschaffen. „Wir vermuteten, dass kein Zentrum allein viele Obduktionen haben würde“, erklärt Pathologe Peter Boor. Ergebnisse aus ganz Deutschland stünden nun allen qualifizierten Forschern zur Verfügung.

Die Windeseile bringt neben Vorteilen zugleich Nachteile: Bevor eine Arbeit in einer prestigeträchtigen Fachzeitschrift erscheint, wird sie oft umfassend von Experten geprüft. Das ist mit den aktuellen Corona-Studien kaum möglich. Darunter leide die Qualität der Beitrage, findet etwa Nephrologe Rafael Kramann von der Universitätsklinik Aachen. Mittlerweile erschienen mittelmäßige Arbeiten in hochkarätigen Journalen.

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