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Klimaschutz : Sauber auf Sternensuche

Der Stromverbrauch des Canada-France-Hawaii Teleskop auf dem hawaiianischen Vulkanberg Mauna Kea ist für den ökologischen Fußabdruck maßgeblich. Bild: Getty

Wie klimafreundlich arbeiten Astronomen? Ein Berufsstand diskutiert, wie er mehr zur Nachhaltigkeit beitragen und die unerwünschten Folgen des Klimawandels für die eigene Forschung abfedern kann.

          5 Min.

          Es ist einer der auf den ersten Blick paradoxen Effekte der Erforschung des Kosmos, dass der Blick in ferne Weiten gleichzeitig die Perspektive auf die eigene kosmische Heimat verändern kann. Festgestellt hat man das schon vor rund 50 Jahren, als die ersten Bilder der Erde aus dem All unser Verhältnis zu unserem aus dem All so klein und verletzlich wirkenden Heimatplaneten zu verändern begannen. Wer weiß, wie unwirtlich der Kosmos für uns Menschen jenseits der atmosphärischen Grenzen unseres Planeten sein kann, mag einen anderen Blick für die Zauber und Unwahrscheinlichkeiten seiner Heimat entwickeln. Es ist daher vielleicht kein Zufall, dass in der Community der Astrophysiker immer stärker die Frage diskutiert wird, welche Mitverantwortung sie selbst für den Klimawandel tragen und wie sie den eigenen Beitrag dazu reduzieren können. Das Journal „Nature Astronomy“ hat nun in seiner jüngsten Ausgabe in sechs internationalen Beiträgen diesen Reflexionsprozess dokumentiert.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dass das Thema gerade die Astronomen umtreibt, ist auch aus ganz praktischen Gründen nicht verwunderlich: Astronomen sind dafür bekannt, sehr viel zu reisen – nicht nur weil sich die relativ kleine Community regelmäßig zu internationalen Konferenzen zusammenfindet, sondern auch weil Beobachtungsaufenthalte an oft isoliert liegenden Teleskopen ihre Forschungspraxis entscheidend bestimmen. Dazu kommen rechenintensive Simulationen, die einen hohen Energiebedarf verursachen und damit indirekt zu Emission von Treibhausgasen durch die Astrophysiker beitragen. Astronomen seien nicht weniger dafür verantwortlich, für eine Reduktion der eigenen Emissionen zu sorgen, als alle anderen Menschen in der Welt, schreiben australische Astronomen um Adam Stevens.

          Supercomputer als Klimasünder

          Um dies in Angriff zu nehmen, müssten sie zunächst die Quellen und relativen Anteile der Emissionen kennen, um dann in einem zweiten Schritt an deren Reduktion zu arbeiten. In ihrer Studie haben sie das für Australien unternommen und kommen zu dem Schluss, dass die forschungsbedingten Emissionen eines durchschnittlichen australischen Astronomen mit 37 Tonnen Kohlendioxoid äquivalenter Emissionen (tCO₂e) pro Jahr 40 Prozent über denen eines typischen Australiers liegen. Interessanterweise liegt das den Schätzungen zufolge vor allem an stromintensiven Berechnungen auf Supercomputern. Sehr viel geringere Beiträge stammen von Flügen sowie dem Betrieb von Observatorien und Forschungsinstituten.

          Eine ganz ähnliche Rechnung für Deutschland hat das Heidelberger Max-Planck-Institut für Astronomie (MPIA) rückblickend für 2018 angestellt. Die Bilanz von Knud Jahnke und seinen Kollegen unterscheidet sich aber von derjenigen der australischen Kollegen. Nicht nur liegt die durchschnittliche Emission pro Astronom mit 18,1 tCO₂e pro Jahr deutlich unter dem australischen Wert. Darüber hinaus machen bei ihnen tatsächlich die Flugreisen den größten Anteil aus. Die Unterschiede erklären sich auch teilweise dadurch, dass die Australier einen anderen Emissionsrechner benutzt haben, der die Emissionen deutlich geringer einschätzt als der von den Deutschen genutzte. In der deutschen Bilanz macht sich gleichzeitig bemerkbar, dass die aus dem Stromverbrauch resultierende sekundäre Emission in Deutschland angesichts des deutlich geringeren Anteils fossiler Energiequellen (47 Prozent im Vergleich zu 83 Prozent in Australien) sehr viel geringer ausfällt. Und dennoch: Alarmierend sei, dass die Treibhausgasemissionen pro MPIA-Forscher rund dreimal so hoch ausfallen, wie es die deutschen Ziele im Rahmen der Pariser Klimavereinbarungen 2030 vorgeben, um die Erderwärmung auf maximal 1,5 Grad zu beschränken, schreiben die Heidelberger.

          Lektionen aus der Pandemie

          Vorschläge, wie dieser Wert in den kommenden Jahren deutlich gesenkt werden könnte, ergeben sich aus weiteren Detailstudien. Wie die Zahl der Flugreisen deutlich reduziert werden kann, hat in diesem Jahr unerwartet die Covid-19-Pandemie demonstriert. Die Notwendigkeit, große Konferenzen vollständig digital abzuhalten, hat einen direkten Vergleich der Emissionen von Präsenz- und Online-Veranstaltungen ermöglicht. Konkret durchgerechnet haben das Wissenschaftler um Leonhard Burtscher vom MPIA am Beispiel der Jahrestagung der Europäischen Astronomischen Gesellschaft (EAS). 2019 fand dieses Treffen mit 1240 Teilnehmern in Lyon statt, 2020 mit 1777 Teilnehmern als virtuelle Konferenz.

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