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Whistleblower-Preis : Die falschen Helden

Gentechnik-Debatte an der Uni Hohenheim mit Gilles-Eric Séralini, 2.v.l. Bild: Joachim Müller-Jung

Hauptsache, die Gesinnung stimmt. Der Whistleblower-Preis geht an einen Anti-Genaktivisten. Noch grotesker ist nur die Begründung.

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          Der Physiker Edward Teller war bekanntlich der „Vater der Wasserstoffbombe“, wie er sich gerne betiteln ließ. Da er sich auch leidenschaftlich für die strategischen Waffensysteme SDI der amerikanischen Regierung in den achtziger Jahren einsetzte und dennoch virtuos wie kein zweiter Heuchler im Wissenschaftsbetrieb den Begriff „Frieden“ im Mund führte, hat man ihm irgendwann dafür den Anti-Nobelpreis verpasst. Das war natürlich herrliche Satire. Und so ein Konzept wie den Ig-Nobelpreis, dachte man, gibt es nur einmal. Es gibt allerdings auch eine Kategorie von Preisen, nennen wir sie Gesinnungstrophäen oder Goodwillprämien, die mit ähnlich süffisanten Mitteln arbeiten.

          Der Whistleblower-Preis, den die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler und die deutsche Sektion der internationalen Juristenorganisation „Ialana“ vergibt und der unter anderem vor zwei Jahren an den ehemaligen, verfolgten Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden verliehen wurde, hat nun einmal mehr bewiesen, dass Seriosität und Qualität kein zwingendes Kriterium, Satire aber ein durchaus schmückendes Motiv sein kann, um die Herzen der Gesinnungsgenossen zu wärmen.

          Einer der Helden ist diesmal Gilles-Eric Séralini. Der umstrittene französische Aktivist, der seit Jahren mit dürftigen Forschungsarbeiten an Ratten und umso schillernderen Auftritten die Gefährlichkeit des umstrittenen Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat mitsamt der zugehörigen genmanipulierten Pflanzen zu belegen versucht, hat den diesjährigen Preis für den Hinweisgeber vom Dienst erhalten. Séralini wird als Verfolgter, Entehrter und Enteigneter des etablierten Wissenschaftssystems gewürdigt und als Opfer einer „Kampagne interessierter Kreise aus der Chemieindustrie“. Dass er Neutralität, Unabhängigkeit und die Spielregeln des wissenschaftlichen Publizierens einhalte, wird in der nun vorliegenden Kurzfassung der Jurybegründung nirgendwo behauptet. Woraus - nicht zum ersten Mal in der sechzehnjährigen Geschichte des Preises - gefolgert werden darf: Wissenschaftliche Qualifikation ist nicht Voraussetzung, um den Whistleblower-Preis der Wissenschaftlervereinigung zu erhalten. Seine „berufsethische Verantwortung“, die in der Begründung zweimal angesprochen wird, nimmt Séralini für seine Anti-Gentechnik-Lobby-Organisation Criigen sicher verdienstvoll wahr. Und was ihn weiß Gott zum Helden macht, wird in dem satirischen Höhepunkt der Preisbegründung gegen Ende dann auch sonnenklar: Mit der Preisvergabe, so heißt es, sei „erneut sichtbar geworden: Der Erhalt unserer Gesundheit ist von Whistleblowern abhängig.“ Merksatz also für den nächsten Hausarzttermin: Bitte eine Überweisung zum wohnortnahen Whistleblower.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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