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Erkenntnisse zum Elfmeter : Der beste Elferrat

  • -Aktualisiert am

Bewege dich so spät wie möglich: Manuel Neuer in der EM-Qualifikation Bild: Picture-Alliance

Die Elfmeter-Forschung ist bisher über Binsenweisheiten nicht hinausgekommen. Nun wartet sie mit neuen Einsichten auf. Helfen Sie dem Bundestrainer?

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          Der Stand der Forschung zum Elfmeter ist noch überschaubar. Das Standardwerk von M. Kropp und A. Trapp „35 Jahre Bundesliga-Elfmeter“ (1999) muss als veraltet betrachtet werden. Entsprechend rar sind unstrittige Fakten zum Strafstoß. Als gesichert darf immerhin gelten, dass das Tor breiter als hoch ist, man als Torwart beim Schuss also besser nicht in der Mitte stehen bleiben sollte. Solche Befunde setzten die Elfmeterforschung immer schon dem Verdacht aus, sie habe außer Trivialitäten oder Fatalismus (ist alles bloß Zufall) nichts zu bieten.

          Fußball-EM

          Auch die soziologische Analyse ist über den launigen Beitrag von Hartmut Esser von 1991 eigentlich nie hinausgekommen. Denn wenn der Doppelpass laut Esser ein soziales System ist, dann ist es der Elfmeter erst recht: Aus der endlosen Rekursionsschleife der doppelten Kontingenz kommen weder Schütze noch Torwart hinaus. Selbst wenn der Keeper genau wüsste, dass sein Gegner bisher wirklich immer in die linke obere Ecke geschossen hat, könnte der ausgerechnet dieses eine Mal nach rechts unten zielen, gerade weil er davon ausgehen muss, dass der Torwart über seine bisherige Präferenz bestens informiert ist. Jedenfalls im Profifußball. Darum zucken die Mathematiker beim Elfer auch mit den Schultern. Es sei purer Zufall, ob der Keeper überhaupt in die richtige Ecke springe. Der Rest ist dann individuelles Können, also ein Gegenstand der Trainingslehre. Hat die Forschung also gar keine neueren Befunde für DFB-Torwarttrainer Andreas Köpke?

          Passe dich deinem Gegenüber an!

          Hat sie doch. Die Sportwissenschaftler Benjamin Noël, John van der Kamp und Stefanie Klatt sind dem Elfmeter im Journal „Frontiers in Psychology“ jetzt endlich mit der gebotenen empirischen und experimentellen Sorgfalt auf den Grund gegangen. Ihre Auswertung von 41 Elfmeterschießen bei Welt- und Europameisterschaften hat ergeben, dass es eben doch eine überlegene Strategie beim Strafstoß gibt. Und zwar sowohl für den Schützen als auch den Keeper. Und die heißt: Passe dich deinem Gegenüber an! Der Schütze kann sich schon vor dem Anlauf für eine Seite entscheiden, also unabhängig vom Verhalten des Torwarts schießen, oder diese Entscheidung eben erst während des Anlaufs treffen, also vom Verhalten des Torwarts abhängig machen: Springt der nach links, schieße ich besser nach rechts.

          Bisher hieß es in der Forschung, dass eine torwartunabhängige Strategie für den Schützen generell mehr Erfolg verspreche. Die Auswertung von 395 Torschüssen in dieser Studie zeigte aber, dass selbst diese kurze Situation den Beteiligten etwas von den Absichten des anderen verraten kann. Die Wahrscheinlichkeit, einen Treffer zu erzielen, war darum am größten, wenn der Keeper sich früh bewegte und der Schütze seine Schussrichtung davon abhängig machte. Das hieß umgekehrt für den Torwart: Warte ab, beobachte deinen Beobachter, und springe so spät wie möglich.

          Dieser Befund sollte von den EM-Teams rasch zur Kenntnis genommen werden, denn nur 27 Prozent der bisherigen Elfmeter in den ausgewerteten Turnieren verrieten eine torwartabhängige Strategie der Schützen. Stattdessen plädieren die Autoren für die Ausbildung von Elfmeterspezialisten, von kaltblütigen Strategen, deren geschultes Auge noch in den Sekundenbruchteilen des Anlaufs das Verhalten des Keepers antizipieren könne. Wenn also schon ein Zettel fürs Elfmeterschießen, dann nicht einen für den Torwart, sondern eher für die Schützen.

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