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Vom Nutzen der Klimawende : Wer ist hier Apokalyptiker?

Schon das Flammeninferno des jüngsten Tages - oder nur ein imposanter Sonnenuntergang über Dresden? Bild: dpa

Untergangsszenarien gibt es genug. Gute Gründe auch. Aber wer endlich mal genauer hinsieht, kann hinter den ökologischen und ökonomischen Zukunftsängsten erstaunlich produktive Visionen erkennen.

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          Das Gute ist oft unauffällig, während sich das Schlimme selbst dann aufdrängt, wenn es weit in der Zukunft liegt. Das ist das Glück der Apokalyptiker.

          In dieser Disziplin, so kann man heute täglich nachlesen, haben es Forscher, Medien und Schüler mittlerweile zu großer Meisterschaft gebracht. Ihre existentielle Furcht angesichts unabweisbarer planetarer Bedrohungen wird dann gerne mit überschäumendem pädagogischen Eifer als pures Schwarzsehen abgewiesen und mindestens unterschwellig auch als Ausweis mangelnder Selbstdisziplin gedeutet. Geklagt wird über die „toxische Rhetorik“ der Apokalypse. Dazu wäre wissenschaftlich (und pragmatisch betrachtet) vor allem eines zu sagen: Dieses Verhalten hat uns die Evolution geschenkt.

          Denn natürlich ist es überlebenswichtig und sinnvoll, möglichst frühzeitig über kommende, zumal absehbare Gefahren Bescheid zu wissen – und gegenzusteuern. Kontraproduktiv ist es nur, wenn die Furcht vor der Apokalypse lähmt. Nennen wir dies die Apokalypse zweiten Grades. Teile der Ökonomie, die es in ihrem vorherrschenden Modell gewöhnlich vorzieht, die Möglichkeit einer schleichenden, für sie abstrakten, am Ende aber unbeherrschbaren ökologischen Katastrophe auszublenden, weil das die Marktpreise verderben könnte, warnen inzwischen ihrerseits vor einer Apokalypse wirtschaftlicher Lähmung und vor Massenentlassungen durch Klimaschutz. So jagt eine Apokalypse die andere.

          Weil uns aber evolutionär gesehen – rein überlebenstechnisch – weniger interessieren sollte, wer das letzte Wort im Abgesang hat, sondern wer an guten Ideen für eine lebenswerte Zukunft arbeitet, die über den Tag und den nächsten Einkauf hinaus halten, freuen wir uns über jede konstruktive Suche nach dem Guten im Hier und Heute. Wissenschaftler der Stanford-Universität sind auf diesem Weg einiges voran gekommen. Sie haben sich gefragt, wo in der Welt es bereits nachhaltige Ansätze für eine umweltschonende, klimafreundliche Energiewirtschaft gibt, und wie die Welt aussehen könnte, wenn man auf diesem Weg – nur viel konsequenter – weiter geht. Ein globalisierter europäischer „Green New Deal“ gewissermaßen.

          Fazit, nachzulesen in der Fachzeitschrift „One Earth“: Würde der in den 143 untersuchten Ländern begonnene Übergang zu einer ressourcenschonenden Elektrifizierung rasch fortgesetzt, könnten bis zur Mitte des Jahrhunderts der Energiebedarf verglichen mit einem „Weiter-so“-Szenario um 57 Prozent verringert, die Energie- und Klimakosten (inklusive Gesundheitskosten) um 91 Prozent gesenkt und 28 Millionen mehr Jobs geschaffen werden, als durch das Sterben alter Branchen in der Fossilwirtschaft verloren gingen. So giftig kann die Rede von der Apokalypse also gar nicht sein.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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