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Verbot von Bleimunition : Weg frei für die bleifreie Jagd

  • -Aktualisiert am

Bleihaltige Schrotkugeln für den schnellen Schuss auf sich bewegende Ziele auf kurzer Distanz. Bild: dpa

In den Feuchtgebieten der EU darf künftig nicht mehr mit giftiger Bleimunition geschossen werden. Zum Schutz von Natur und Mensch, lautet die Begründung. Über die Debatte einer längst überfälligen Regelung.

          3 Min.

          Die Jagd mit bleihaltiger Munition soll in Feuchtgebieten künftig verboten werden. Darauf haben sich die EU-Staaten Anfang September geeinigt. Wie bei solchen Entscheidungen üblich, gilt eine Übergangsfrist. Diesmal sind es zwei Jahre. Deutschland, vertreten durch das Bundesministerium für Landwirtschaft, hatte für drei Jahre plädiert. „Um das grundsätzliche Anliegen in der Umsetzung nicht weiter zu verzögern“, habe das Ministerium am Ende jedoch zugestimmt. Das ist irreführend formuliert, denn in einem schwelenden Konflikt war es Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU), die sich, anders als das Bundesumweltministerium, noch im Juni gegen die Regelung starkmachte.

          Kai Spanke

          Redakteur im Feuilleton.

          Als Argument diente Klöckner ausgerechnet das Tierwohl, genauer: die „Frage der Tötungswirkung auch bei größeren Tierarten“. Die These: Wird Wild von bleifreien Kugeln – etwa Stahlschrot – getroffen, verende es nicht schnell genug und laufe Gefahr, einen qualvollen Tod zu sterben. Das gelte besonders für invasive Tierarten wie Nilgans oder Waschbär. Wissenschaftlich ist diese Behauptung nicht belegt. In einem Gespräch mit dem Online-Magazin „Die Flugbegleiter“ hebt der Ballistik-Spezialist und Wildtiermanager Carl Gremse hervor, entscheidend sei stets die Expertise des Jägers in Bezug auf Kaliber und Wildart. Dass sich Klöckner auf unglaubwürdige Belege stützt, ist ein Offenbarungseid, macht sie sich laut Gremse doch „ein Argument zu eigen, das aus der Munitionsindustrie kommen muss, denn es nützt nur dieser“. Dabei ist die Jagd mit Bleischrot an Gewässern in allen Bundesländern bis auf Bremen und Hamburg ohnehin nicht mehr erlaubt.

          Die Auswirkungen derartiger Geschosse sind fatal. So warnt die Europäische Chemikalienagentur Echa: „Blei wird seit Jahrzehnten verbreitet in Munition und Angelgerät verwendet. Es wird geschätzt, dass pro Jahr durch diese Verwendungen etwa 21.000 bis 27.000 Tonnen Blei in der EU in der Umwelt verteilt werden.“ Nur ein „sehr geringer Anteil der abgefeuerten Bleimunition“ treffe ihr Ziel, der Rest lande in den jeweiligen Ökosystemen. Vögel verwechseln das Schrot häufig mit kleinen Steinchen, die sie regelmäßig aufnehmen, um die Nahrung in ihren Mägen zu zermalmen. Befindet sich das Schwermetall erst einmal im Verdauungstrakt, wird es rasch resorbiert. Der Echa zufolge muss ein kleiner Wasservogel nur ein einziges Stück Bleimunition aufnehmen, um zu sterben.

          Es geht auch bei großem Kaliber ohne giftiges Schwermetall: Munitionspatronen mit und ohne Blei (links)
          Es geht auch bei großem Kaliber ohne giftiges Schwermetall: Munitionspatronen mit und ohne Blei (links) : Bild: dpa

          Mirjam Nadjafzadeh, Heribert Hofer und Oliver Krone haben im Jahr 2015 eine Studie in der Zeitschrift „European Journal of Wildlife Research“ veröffentlicht, in der sie die Vorteile bleifreier Munition für Aasfresser aufzeigen. Verzehren Seeadler die Reste eines erschossenen Säugetiers, verschmähen sie jene Metallpartikel, die mehr als acht Millimeter messen. Kleinere Fragmente von etwa drei Millimetern schlucken sie gleichwohl herunter. Bleihaltige Geschosse zersplittern in winzige Teilchen, sobald sie in den Körper eindringen. Der Gebrauch anderer Projektile, die in größere Stücke von fast einem Zentimeter zerfallen, könnte verhindern, dass aasfressende Vögel regelmäßig an Vergiftungen zugrunde gehen. Krone, der am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung tätig ist, sagt: „Unsere Beobachtungen zeigen, dass neben den Seeadlern vor allem Raben und Bussarde zu den Hauptkonsumenten der Kadaver zählen.“

          „Wir brauchen das Totalverbot“

          Seeadler, die liegengelassene Innereien von erlegten Rehen oder angeschossene Vögel fressen, ersticken oft, weil das Blei die Aufnahme von Sauerstoff während der Blutbildung blockiert. Enten, die sich eine Bleivergiftung zuziehen, werden vor dem Tod von Krämpfen, Erbrechen und Lähmungen heimgesucht. Die Echa schätzt, dass rund eine Million Wasservögel in der EU jedes Jahr dieses Schicksal erleiden. In Paragraph eins des Tierschutzgesetzes heißt es: „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Diese Richtlinie wird ad absurdum geführt, solange mit Bleimunition gejagt werden darf.

          Auch für Menschen besteht Gefahr. Laut Weltgesundheitsorganisation gehört Blei zu den zehn schädlichsten Stoffen überhaupt; das Institute for Health Metrics and Evaluation schätzt, dass im Jahr 2017 weltweit mehr als eine Million Menschen an einer zu hohen Belastung durch Blei gestorben sind. Darüber hinaus empfiehlt das Bundesinstitut für Risikobewertung generell, dass „insbesondere Kinder bis zum Alter von sieben Jahren, Schwangere und Frauen im gebärfähigen Alter auf den Verzehr von mit Bleimunition geschossenem Wild verzichten“. Die Lage könnte grotesker kaum sein: Farben, Stifte, Wasserleitungen und Benzin sind längst bleifrei – für unsere Nahrung gilt das allerdings nicht.

          Schon 1996 wurde im Rahmen des „Abkommens zur Erhaltung der afrikanisch-eurasischen wandernden Wasservögel“ von verschiedenen Staaten beschlossen, Bleischrot aus Feuchtgebieten zu verbannen. 2004 einigten sich die Vogelschutzorganisation Birdlife International und der Dachverband der Jagd in Europa, Federation of Associations for Hunting and Conservation of the EU, auf dasselbe Ziel. Nun, sechzehn Jahre später, begrüßt Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) das Teilverbot als „gute Nachricht für den Naturschutz“. Außerdem verweist sie darauf, dass die Echa gegenwärtig prüfe, ob sich bleihaltiges Schrot komplett verbieten lasse. Die Grünen würden sich freuen: „Wir brauchen das Totalverbot“, sagt deren Europapolitiker Martin Häusling. Feuchtgebiete machen nach seinen Worten nur zwei Prozent aller Jagdgebiete in der EU aus. Man wird Häuslings Anspruch als vernünftig bezeichnen dürfen, denn dass immer noch mit bleihaltigen Projektilen gejagt werden darf, ist nicht weniger als ein Skandal.

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