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Elektromobilität : Die stille Stadt

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Es gibt ihn auch, den guten Schall. Auf Glockenklang, Wasserplätschern oder Kinderlachen mag nicht jeder gerne verzichten. Bild: dpa

Mit der Elektromobilität ist die Hoffnung verbunden, dass es in Städten künftig deutlich leiser zugehen könnte. Aber ist Urbanität ohne Schallemissionen Utopie oder Dystopie?

          Lärm gehört zur Großstadt wie ihre Bewohner. Mopeds knattern, Presslufthammer hämmern, Züge kreischen, Autos röhren. Der Soziologe Georg Simmel beschrieb die sich um 1900 herausbildende Großstadt als permanente Überreizung der Sinne, gegen die man sich nur mit dem Panzer der „Blasiertheit“ wappnen könne. Die wachsende Verdichtung in den Innenstädten hat zu immer mehr Straßenschluchten geführt, die Kulisse und Schallverstärker für einen automobilen Dauerlärm sind. Es gibt heute kaum noch Ruhezonen.

          Selbst unter Wasser, wo man die große Stille vermuten würde, ist es in den letzten Jahren immer lauter geworden. Ölplattformen, Schiffsverkehr und Bootsrennen haben Lärmpegel in Ozeanen, Seen und Flüssen ansteigen lassen. Lärm macht krank, das belegen zahlreiche Studien. Laut WHO leiden 210 Millionen Menschen an Verkehrslärm, was mit gesundheitlichen Risiken wie 245.000 neuen Herz-Kreislauf-Erkrankungen pro Jahr einhergeht.

          Schon im alten Rom soll Cäsar der Legende nach den Verkehr von Pferdekutschen auf dem Kopfsteinpflaster in den Abendstunden untersagt haben, damit er besser schlafen konnte. Schon von daher ist die Vorstellung, erst mit der Verbreitung des Automobils hätte der Lärm Einzug in die Städte gehalten, irrig. Doch mit dem systematischen Ausbau von Fahrradwegen – in Kopenhagen gibt es inzwischen mehr Rad- als Autofahrer – und neuerdings der Entwicklung von Elektroautos scheint erstmals die Utopie einer stillen Stadt auf.

          Maßnahmen der Städte zielen auf Emissionen – nicht Lärmbekämpfung

          Der Motor der Elektromobile surrt nur noch, fast lautlos gleiten diese Fahrzeuge über den Asphalt. Selbst in der Formel E sind die hochgezüchteten PS-Boliden mit rund 80 Dezibel nicht lauter als ein gewöhnliches Fahrzeug im Straßenverkehr. Nun hatten Städte und Gemeinden bereits in der Vergangenheit zahlreiche Maßnahmen zum Lärmschutz ergriffen: Flüsterasphalt, Schallschutzwände, Rasengleis, Tempolimits. Doch die Maßnahmen zielten immer nur darauf ab, den Immissionsort einzudämmen, nicht aber die Lärmquelle zu beseitigen. Durch Elektrofahrzeuge könnte nun eine zentrale städtische Lärmquelle verschwinden.

          Gewiss gilt diese Erwartung nur mit Einschränkung, weil bei Pkw ab einer Geschwindigkeit von 35 Kilometern pro Stunde die Geräusche des Motors für das Lärmempfinden praktisch keine Rolle spielen. Was der Außenstehende als belästigend wahrnimmt, sind die Rollgeräusche. Sofern Elektroautos über keine andere Bereifung verfügen, wird sich an der Lärmbelästigung durch Schnellstraßen also nicht viel ändern.

          Bei geringer Geschwindigkeit jedoch sind E-Autos so befremdend leise, dass sie eine Gefahr für Fußgänger darstellen, die den Motorenlärm derart internalisiert haben, dass sie häufig nach Gehör die Straße überqueren. Daher sollen Elektroautos künstlich lauter gemacht werden. Nach einem Beschluss der amerikanischen Verkehrsbehörde National Highway Traffic Safety Administration müssen Elektro- und Hybridfahrzeuge ab 2019 mit einem Sound Emitting Device ausgestattet sein, das bei einer Geschwindigkeit bis zu 30 Kilometer pro Stunde einen Ton von sich gibt. In den Laboren der Automobilhersteller tüfteln Tontechniker bereits an einem charakteristischen „Playback-Sound“, der den Wegfall des Verbrennungsmotors akustisch kompensiert. Eine Rolle rückwärts.

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