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Kunsthistorische Zeitschriften : Ein Herausgeberteam kuratiert jetzt auf eigene Rechnung

  • -Aktualisiert am

Na, wenn das in dieser Form öffentlich würde! Ein Regal mit Ungedrucktem im Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte. Bild: Zentralinstitut für Kunstgeschichte München

In der „Zeitschrift für Kunstgeschichte“ führt derzeit niemand die Feder. Ein Streit über Open Access führte zum Bruch zwischen der wissenschaftlichen Leitung und dem Verlag.

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          Nachdem das Herausgebergremium der „Zeitschrift für Kunstgeschichte“ (ZfK) geschlossen zurückgetreten ist, steht das traditionsreiche Vorzeigejournal kopflos da. Die demissionierten Herausgeberinnen und Herausgeber kündigen die Gründung einer neuen Zeitschrift an: „21. Inquiries into Art, History, and the Visual“. Über den Rahmen der „traditionellen Kunstgeschichte“ hinaus will sich das Organ der „visuellen Kultur“ annehmen und schon im Frühjahr mit der ersten Ausgabe herauskommen – und zwar, parallel zu einer Print-Ausgabe, in der elektronischen Publikationsform „Golden Open Access“. Das neue Periodikum ist somit ein Pilotprojekt in Konkurrenz zur ZfK, die 1932 aus dem „Repertorium für Kunstwissenschaft“ hervorging.

          Auf besagten „goldenen“ Weg hatte das Herausgeberquartett, bevor es seine Funktion niederlegte, auch die vierteljährlich erscheinende ZfK bringen wollen. Er sieht eine kostenfreie Online-Veröffentlichung ohne Verzug vor und unterscheidet sich von der „grünen“ Variante, bei der die Inhalte erst nach einer Embargofrist gratis ins Netz gestellt werden.

          So verfährt jetzt die ebenfalls alteingesessene Monatsschrift „Kunstchronik“ von 1948, die momentan über 1750 Abonnements verfügt (für die ZfK waren Abo-Zahlen auf Nachfrage nicht zu erfahren), sie führt das grüne Modell gerade mit Hilfe der Heidelberger Plattform arthistoricum.net ein und erprobt für die „Moving Wall“ eine Dauer von drei Jahren – was nach Einschätzung der „Kunstchronik“-Redakteurin Christine Tauber bei einem Rezensionsorgan ohnehin schon einigermaßen gedehnt anmutet. Zusätzlich werden die alten Hefte nach und nach ins Netz gestellt. Prinzipiell hält auch Tauber eine Sofortveröffentlichung für wünschenswert: „Die heutige Studienanfängerin abonniert keine gedruckte Fachzeitschrift mehr, so dass wohl auf längere Sicht der Open Access die einzige Chance sein dürfte, neue Jungleserinnen zu gewinnen“, bemerkt sie in ihren – noch zur Veröffentlichung anstehenden – „Überlegungen zur Kunstchronik und ihrer publizistischen Zukunft“.

          Ohne bezahlten Sachverstand keine Textverwaltung

          Was das (ehrenamtliche) Management von Kommunikation und Lektorat betrifft, steht für die Redaktion einer wissenschaftlichen Zeitschrift heute zwar Software zur Verfügung. Für inhaltliche Schwerpunkte und qualitative Standards ist diese aber zum Glück noch nicht zuständig. Das gilt auch für jenes Prinzip, das Maßstäbe in Sachen Seriosität und Verbindlichkeit verbürgen soll: die „Double Blind Peer Review“ – in einer Zeitschrift wie der ZfK wird jeder Aufsatz anonymisiert von zwei Gutachtern beurteilt, die ihrerseits den Verfassern unbekannt bleiben. Da ist fraglos auch Fingerspitzengefühl gefragt.

          An einer fachlich geschulten Honorarkraft kommt eine Kunstzeitschrift also nicht vorbei, und als deren Drittmittelfinanzierung bei der ZfK zuletzt auslief, machte der neue Sponsor in Gestalt der Universität Bern den goldenen Online-Zugang zur Bedingung seiner Zuwendung. Für die Verlage bringt dies ökonomische Unwägbarkeiten mit sich, weshalb der gesamte GOA-Komplex im Fach Kunstgeschichte ein Minenfeld ist. Auf Anfrage versichert der Verlag de Gruyter, unter dessen Dach die ZfK erscheint, seine Bereitschaft, sich dem Thema Golden Open Access zu öffnen und es zusätzlich zur Druckausgabe zu erwägen, auch möchte er Publikationsgebühren für die Autoren vermeiden, sich allerdings – eventuell – erst vom kommenden Jahr an näher damit befassen. Dann aber, gibt eine Sprecherin zu verstehen, gelte es, offene Fragen über die Bildrechte zu klären.

          Für 2020 hat sich der Verlag dazu durchgerungen, die Kosten für die redaktionelle Honorarkraft zu übernehmen (nebenbei gilt es ja auch noch, neue Herausgeber zu bestellen). Zudem hoffe man, für die verlagseigene ZfK im Lauf des Jahres einen festen „Ort“ zu finden, sei dies eine bewährte Institution oder ein Verband, um ein abruptes Interregnum künftig zu vermeiden. Immerhin sei genügend Stoff für das Erscheinen der kommenden Ausgaben vorhanden.

          In der Krise der ZfK kristallisieren sich auch grundsätzliche Fragen, die Hubertus Kohle im Novemberheft der „Kunstchronik“ unter dem Titel „Welche Zukunft hat das wissenschaftliche Publizieren?“ zusammengefasst hat. Der Münchner Kunsthistoriker sieht unerschlossene Ressourcen im „Semantic Web“: Informationen, wie sie das „Allgemeine Künstlerlexikon“ in großer Fülle bereitstellt, könnten verknüpft werden, um etwa „ein ganzes Netzwerk von Ausbildungsverhältnissen“ zu erfassen, das im analogen Text „nur in Partikeln erkennbar“ werde. Kohle will mit solchen Beispielen einen „entscheidenden Wandel der Wissensgenerierung“ illustrieren. Bei den kunsthistorischen Fachjournalen plädiert er dafür, die „Gesamtzuständigkeit“ für sie inklusive der Verwertungsrechte „in die öffentliche Hand zurückzuholen“.

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