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Streckenschwund : Erinnerungen an das Eisenbahnzeitalter

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Sag mir, wo die Gleise sind. Wo sind sie gebieben? Stillgelegte Bahnstrecke in Mecklenburg-Vorpommern. Bild: dpa

Es gab eine Zeit, als der Schienenfernverkehr dem Staat richtig viel Geld einbrachte, anstatt ihn nur welches zu kosten. Doch dann kam das Auto, und davon hat sich die Bahn nie wieder erholt.

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          Rüdiger Grube sei ein Visionär. Zumindest sah das die Jury so, die den ehemaligen Bahnchef kürzlich mit dem nun erstmals vergebenen Walter-Gropius-Preis ehrte. Immerhin, unter Grubes Führung kehrte sich der Rückbau des deutschen Schienennetzes seit Ende des Zweiten Weltkriegs erstmals um. Seit 2015 wächst das Netz wieder, wenn auch minimal.

          Der wichtigste Visionär der deutschen Bahn war aber fraglos Friedrich List (1789 bis 1846). Der auch als Wirtschaftstheoretiker bedeutende Gelehrte und Unternehmer legte bereits 1833 – da lag in Deutschland noch keine einzige Eisenbahnschiene – den Entwurf für ein zusammenhängendes deutsches Bahnnetz vor. Doch zu jener Zeit hatte jedes Land des Deutschen Bundes seine eigene Rechtsordnung, seine eigenen Zölle, ja sogar seine eigene Uhrzeit. Da kann man verstehen, warum nicht wenige Zeitgenossen Lists Idee als Spinnerei abtaten.

          Doch der Sohn eines Reutlinger Weißgerbermeisters war damals psychisch durchaus stabil. Mit 28 Jahren – ohne Abitur oder abgeschlossenem Studium – wurde er Professor an der von ihm gegründeten Fakultät für Staatswissenschaften in Tübingen. Zwei Jahre später kam er als Reutlinger Abgeordneter in den württembergischen Landtag. Dort allerdings verscherzte er es sich mit dem König, als er ihn für Missstände in Verwaltung und Gesetzgebung verantwortlich machte.

          Nach Stilllegungen und Gebietsverlusten im Osten nach 1945 ist das deutsche Schienennetz heute nur noch halb so groß, wie es zur Blütezeit um 1910 war.

          Nach einer zehnmonatigen Festungshaft musste er ins Exil nach Amerika – zum Glück für das deutsche Eisenbahnwesen. Denn in Amerika war die Planung von Bahnlinien zu diesem Zeitpunkt schon voll im Gange. Der erfinderische List gründete 1831 kurzerhand selbst eine Eisenbahngesellschaft und hatte somit schon einiges an einschlägigen Erfahrungen, als er zwei Jahre später nach Deutschland zurückkehrte und dort seinen Entwurf eines gesamtdeutschen Eisenbahnnetzes vorlegte.

          Die erste Eisenbahn war nur für den Gütertransport gedacht

          Die Ursprünge der Eisenbahn aber finden sich in England. Dort wurden 1712 die ersten Dampfmaschinen gebaut. Die Idee, solch einen Apparat auf Schienen zu setzten und Waggons ziehen zu lassen, realisierte man aber erst 1825. Die ersten rollenden Eisenbahnen waren indes reine Güterzüge. Erst als 1830 mit der Verbindung Manchester–Liverpool Englands zweite Strecke eröffnet hatte, stellten die Investoren fest, dass die Beförderung von Personen mindestens so viel einbrachte wie der Gütertransport.

          Friedrich Lists Entwurf für ein deutsches Eisenbahnnetz aus dem Jahre 1833

          „Aus heutiger Sicht ging der Netzausbau damals unglaublich schnell voran“, sagt der Historiker Christopher Kopper, der an der Universität Bielefeld lehrt und sich über die Geschichte der Bundesbahn habilitiert hat. „In Deutschland wurden etwa neunzig Prozent der Gleislinien, die heute als Hauptstrecken dienen, in gerade mal vierzig Jahren zwischen 1840 und 1880 gebaut.“ Als erste deutsche eröffnete 1835 die sechs Kilometer lange Linie Nürnberg–Fürth, als zweite die Fernverbindung von Leipzig nach Dresden. Deren wirtschaftliche Vorteile hatte List zwei Jahre zuvor in einer Schrift dargelegt, die einen programmatischen Titel trägt: „Ueber ein sächsisches Eisenbahn-System als Grundlage eines allgemeinen deutschen Eisenbahn-Systems“.

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