https://www.faz.net/-gwz-821u9

Soziale Systeme : Interdisziplinär? Oje!

  • -Aktualisiert am

Der Historiker Reinhard Koselleck. Als er 1974 Direktor des „Zentrums für interdisziplinäre Forschung“ wurde, versicherte ihm Hans Blumenberg sein herzliches Beileid. Bild: F.A.Z. - Foto Helmut Fricke

Interdisziplinäre Kongresse sind sinnlos: Solche und andere vertrauliche Einsichten bietet die Korrespondenz zwischen dem Philosophen Hans Blumenberg und dem Historiker Reinhart Koselleck.

          Das Briefgeheimnis, das in seiner elektronischer Form zuletzt etwas gelitten hat, dient nicht nur der Abwehr staatlicher Überwachung. Es hat auch seinen Sinn für die alltägliche Kommunikation. Nicht weniger erbost als über Ausspähungen durch Geheimdienste wäre man, wenn die Chefin oder der Ehemann die eigene Korrespondenz durchleuchtete. Das ist erklärungsbedürftig: Wenn etwas schon schriftlich mitgeteilt wird, kann es so geheim nicht sein – sonst würde man es gleich für sich behalten. Dunkle Geheimnisse, also Wissensbestände, die anderen auf keinen Fall zugänglich gemacht werden sollen, findet man in Briefen und E-Mails eher selten. Teilt man sie dennoch mit jemandem, wird man dies mündlich und unter dem (stets brüchigen) „Siegel der Verschwiegenheit“ tun.

          Zivilisierende Zensur

          Briefe setzen also keine absolute Geheimhaltung voraus, sie übertragen lediglich das Modell des Zwiegesprächs in die Schriftform. Und das heißt: Hier können Dinge ausgesprochen werden, die man vor Dritten, also in einer anonymen Öffentlichkeit so nicht äußern würde. Man kann sich zum Beispiel über die Ehefrau oder den Chef beschweren, eben weil man nicht damit rechnen muss, dass sie es lesen werden. Weniger Rücksicht muss man jedoch nicht nur auf konkrete Personen nehmen, sondern auch auf allgemeine Werte. Wer nichts vom Umweltschutz hält oder von der Gleichberechtigung, kann dies bei entsprechendem Vertrauen in seinen Kommunikationspartner hier schadlos mitteilen, ohne einen „shit storm“ oder andere Formen öffentlicher Aufregung befürchten zu müssen.

          Briefwechsel auch und gerade von Prominenten, die in der Regel erst nach deren Ableben veröffentlicht werden, sind deshalb in doppelter Hinsicht interessant: zum einen als Quelle von Klatsch, zum anderen als Dokumente von Äußerungen, die nicht bereits durch den Filter allgemein geschätzter Werte und Moralvorstellungen gegangen sind. Während die öffentliche Selbstdarstellung sich am anonymen Publikum orientieren muss und dadurch einem sozial durchaus begrüßten, weil zivilisierenden Zensurmechanismus unterliegt, stößt man in privaten Briefwechseln oft auf deutlichere Worte. Die können irritieren, liegen aber oft näher an dem, was gedacht, aber ansonsten eben nicht gesagt wird. Wer reinen Wein eingeschenkt haben möchte, dem wird hier geholfen.

          Unverblümte Verachtung

          Diesen Mehrwert der privaten Kommunikation illustriert hervorragend der Briefwechsel zwischen dem Philosophen Hans Blumenberg und dem Historiker Reinhart Koselleck, aus dem Annette Vowinckel in der Zeitschrift Merkur ausgiebig zitiert. In ihren Briefen der 1970er und 1980er Jahre äußern sich die beiden prominenten Wissenschaftler wiederholt zum Hamsterrad des wissenschaftlichen Tagungs- und Projektbetriebs, an dem sie sich selbst aktiv beteiligten (beziehungsweise beteiligt hatten – Blumenberg zog sich recht früh daraus zurück). Offen und unverblümt geben sie ihre Enttäuschung und Verachtung zu Protokoll angesichts dessen, was heute noch mehr als damals offiziell als Ausweis erfolgreicher wissenschaftlicher Tätigkeit gilt: Interdisziplinäre Tagungen erscheinen Kosseleck nicht als innovativ, sondern vielmehr als „anachronistisch“. Blumenberg konstatiert, dass der für interdisziplinäre Vorhaben nötige „Aufwand an Zeit, Disziplin, freiwilliger Anonymität und Kraft ... auf längere Sicht in keinem angemessenen Verhältnis zum wissenschaftlichen Ertrag steht“. Und überhaupt möchte er die Einsamkeit des Schreibtisches nicht mehr für „die Brutwärme des Kollektivs“ tauschen, denn die bietet viel, nur keine Konzentration.

          Als Koselleck – man muss wohl sagen: dennoch – Direktor des renommierten „Zentrums für interdisziplinäre Forschung“ in Bielefeld wird, kondoliert ihm Blumenberg mit den Worten: „Nun nimmt man heute solche Nachrichten eher mit kollegialem Bedauern auf als dass man sich genötigt fühlt, den Betroffenen zu beglückwünschen.“ Auch der „schimmernde Mantel gesellschaftlicher Relevanz“, den sich inzwischen ganze Landesregierungen und die europäischen Förderprogramme überwerfen, wäre Blumenberg zufolge gut aufgehoben im „Kostümverleih der Rhetorik“.

          Bei all den Lobgesängen auf Interdisziplinarität und projektförmige Zusammenarbeit, die damals wie heute öffentlich angestimmt und nachgesungen werden, erscheinen derartige Aussagen fast häretisch. Doch gerade deshalb könnte man auf die Idee kommen, sie seien näher an der Wahrheit als die offizielle Litanei. Wem vor lauter Enthusiasmus über Interdisziplinarität und Kooperation der Kopf schwirrt, findet hier jedenfalls Hilfe bei der Er- und Ausnüchterung.

          Annette Vowinckel, „Ich fürchte mich vor den Organisationslustigen“. Ein Dialog zwischen Hans Blumenberg und Reinhart Koselleck, Merkur 06/2014, S. 546-550

          Weitere Themen

          Woher weht der alte Wind?

          Die große Mommsen-Tagung : Woher weht der alte Wind?

          Auf der großen Mommsen-Tagung in Berlin zogen die Altertumswissenschaftler eine Bilanz der „turns“ der vergangenen drei Jahrzehnte. Auch die Forschungsförderung nimmt Einfluss auf die Forschungstrends.

          ISS-Raumfahrer zurück auf der Erde Video-Seite öffnen

          204 Tage im All : ISS-Raumfahrer zurück auf der Erde

          Die Sojus-Kapsel mit den drei Astronauten ist sicher in der kasachischen Steppe gelandet. An Board befanden sich drei Raumfahrer aus den Vereinigten Staaten, Kanada und Russland, die während ihres Aufenthalts auf der Internationalen Raumstation verschiedene Experimente durchgeführt haben.

          Topmeldungen

          Konflikt mit Iran : Trumps gefährliches Hin und Her

          Nachdem es zunächst nach Deeskalation aussah, droht Donald Trump Iran abermals. Eine Strategie im Umgang mit der Islamischen Republik ist nicht erkennbar. Trumps Reaktionen haben aber auch innenpolitische Gründe.
          „Eine Art Ideologie, die zu Gräueln in der Historie unseres Planeten geführt hat“: So beschreibt ein ehemaliger Funktionär die Haltung der IAAF gegenüber der standhaften Caster Semenya.

          FAZ Plus Artikel: Fall Caster Semenya : Startrecht nach Kastration

          Die IAAF hat Caster Semenya nach ihrem Sieg in Berlin 2009 eine Operation nahegelegt zur Aufhebung ihrer Laufsperre. Vier Athletinnen unterzogen sich der Tortur. Ein früherer Funktionär spricht von einem Zwangssystem.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.