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Soziale Systeme : Der Terror der Leistungsgerechtigkeit

  • -Aktualisiert am

Eine Gesellschaft ohne soziale Unterschiede wäre schrecklich. Vor allem für ihre Unterschichten. Bild: Picture-Alliance

Wie erstrebenswert ist eine vollkommene Meritokratie? Eigentlich gar nicht, sagt der Schöpfer des Begriffs.

          Die moderne Gesellschaft kennt erhebliche Unterschiede in den Lebenslagen und im sozialen Status ihrer Mitglieder. Aber sie schmeichelt sich, dass diese Ungleichheiten auf ungleiche Leistungsbilanzen der Individuen zurückgehen. Natürlich gebe es hier und da auch Fehlleistungsträger oder verkannte Genies, aber abgesehen davon sehe das wirkliche Leben doch einem sportlichen Wettkampf recht ähnlich: in den Startbedingungen gleich, in den Erfolgskriterien leistungsbezogen und jederzeit überprüfbar - und darum auch bei noch so ungleichen Ergebnissen keineswegs unfair, sondern vielmehr sachbezogen und aufstiegsoffen, vorurteilsfrei und gerecht. Als einprägsame Formel dafür hat sich das Wort von der Meritokratie eingebürgert.

          Die soziologische Forschung hat von diesem Wunschdenken nicht viel übrig gelassen. Ihre Ergebnisse zeichnen das düstere Bild einer Gesellschaft, die den Menschen nach wie vor nicht als Individuum, sondern als Gruppenmitglied, nämlich als Mitglied seiner Herkunftsfamilie und ihrer sozialen Schicht vorankommen oder zurückbleiben lässt. An diesem Bild mag einiges übertrieben sein, anderes umstritten bleiben, aber dass wir in keiner leistungsgerechten Gesellschaft leben, das steht fest. Es ist üblich, diese Abweichung vom meritokratischen Ideal in eine Kritik an der Wirklichkeit abzuleiten. Aber sind wir denn sicher, dass wir dem Ideal trauen dürfen?

          Keine Versager, und niemand beklagt sein Schicksal

          Für den Zweifel daran kann man sich gerade auf den Erfinder des Wortes Meritokratie berufen. Der britische Soziologe Michael Young (1915 bis 2002), der heute vor einhundert Jahren geboren wurde, hat es 1958 im Titel eines Zukunftsromans eingeführt, in dem eine wahrhaft leistungsgerechte Gesellschaft vorgeführt wird: Alle verdanken ihren Platz in der Ordnung ausschließlich ihrer Begabung und ihrer Anstrengung, und immer erneute Messungen der Intelligenz und des Leistungsniveaus stellen sicher, dass etwaige Fehlbesetzungen rasch korrigiert werden. Folglich gibt es in der Elite dieser Gesellschaft keine Versager und unter ihren Verlierern niemanden, der sich über sein Schicksal beklagen könnte. Aber ganz im Gegensatz zu dem, was der positive Klang des Wortes heute vermuten lässt, war es an Ort und Stelle kritisch gemeint: Eine Gesellschaft ohne soziale Ungleichheit wäre schrecklich, so Young - und zwar vor allem für ihre Unterschichten. Wie ist diese Behauptung zu verstehen?

          Solange es in der Gesellschaft mehr oder minder ungerecht zugeht, so lange finden sich in jeder sozialen Schicht eine Reihe von Leuten, die deutlich stärker oder deutlich schwächer sind als die anderen. Der Mangel an sozialer Mobilität ergibt also nicht nur eine Menge von Einzelschicksalen, er hat auch Folgen für die Zusammensetzung von Gruppen. Young würdigt diese Folgen unter zwei Aspekten.

          Zum einen führt die gemischte Zusammensetzung der Gruppen jedem vor Augen, dass es sich lohnt, zwischen dem gesellschaftlichen Status eines Menschen und ihm selbst deutlich zu unterscheiden. Solange es ausreichend viele gibt, die ihr soziales Los durchaus nicht verdient haben, so lange werden auch die anderen zögern, die eigenen Erfolge oder Misserfolge ausschließlich sich selbst zuzurechnen.

          Auch die Unterschicht braucht fähige Leute

          In den Spitzengruppen einer ungerechten Gesellschaft finden sich so viele Überforderte, dass gerade unter ihren Mitgliedern niemand im Ernst daran glaubt, es könne sich um eine Leistungselite handeln. Es entsteht vielmehr eine Oberschicht mit schlechtem Gewissen. In Youngs Zukunftsstaat ist das anders. Dort sind die Eliten sich sicher, dass sie ihre Privilegien völlig zu Recht genießen. Sie halten sich folglich für bessere Menschen, heiraten bevorzugt Partner gleicher Intelligenzstufe und sehen im eigenen Nachwuchs das Erzeugnis einer eugenischen Auslese. Am Ende kommen sie auf die Idee, den eigenen Kindern den Schulbesuch zu erlassen: da sie über die richtigen Gene verfügen, könne man sie doch eigentlich auch ohne weitere Prüfungen zu wichtigen Positionen zulassen. So rasch wird aus dem Leistungsprinzip eine Bildungsaristokratie.

          Ähnlich ergeht es der Unterschicht. Ihre Mitglieder können sich nicht mit dem Gedanken trösten, das Leben sei ihnen etwas schuldig geblieben. Sie müssen sich vielmehr für minderwertige Menschen halten und verlieren so jede Selbstachtung. Aber das ist keineswegs alles. Denn solange die Leute nicht einfach nach Leistung aufstiegen, so lange blieben der Unterschicht immer auch fähige und nach außen hin durchsetzungsfähige Personen erhalten. Die vollendete Gerechtigkeit hat dagegen den Nachteil, dass der schwachen Gruppe alle starken Mitglieder entzogen werden. Unfähig, Führungsstrukturen auszubilden, wird sie damit vollends zum Objekt politischer Entscheidungen.

          Michael Young, der 1978 zum Lord und Mitglied des Oberhauses ernannt wurde, war zeit seines langen Lebens ein Mitglied der Partei Tony Blairs. In einem seiner letzten Texte bittet er den linken Regierungschef, von der Meritokratie doch bitte nicht so zu reden, als bezeichne das Wort etwas Wünschenswertes; aber die merkwürdige Karriere des Wortes konnte er damit nicht aufhalten.

          Literatur:

          Michael Young, „The Rise of the Meritocracy“, London 1958.

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