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Soziale Systeme : An Zeitverträge gewöhnt man sich nicht

  • -Aktualisiert am

Befristete Arbeitsverhältnisse sind auf Dauer zermürbend. Bild: Cyprian Koscielniak

Beim Thema Erwerbsarbeit kann von mangelndem Bindungswillen der Deutschen keine Rede sein.

          3 Min.

          Am Anfang der Soziologie steht die Arbeit. Die Bedeutung von Betrieb, Industrie und Erwerbstätigkeit war für die Klassiker des Faches so zentral, dass etwa Max Weber unbestritten vom Kapitalismus als der „Schicksalsmacht“ des modernen Menschen sprechen konnte. In welcher Gesellschaft man lebte, entschied sich für ihn in der Wirtschaft. Für die heutige Soziologie gilt das nicht mehr. Natürlich gibt es Arbeitsmarktforschung, werden Erwerbsbiographien untersucht und Betriebsverfassungen studiert. Aber man kann eben auch Familiensoziologie, Kultursoziologie oder Soziologie der Geschlechterverhältnisse betreiben, ohne sich unwichtiger zu fühlen. Demnach leben wir in einer Art „Sowohl-als-auch-Gesellschaft“, aber sicher nicht mehr in einer Arbeits- oder Industriegesellschaft.

          Dem könnte man entgegnen, es gebe aber einen gravierenden Unterschied zwischen sozialen Beziehungen, wie sie in Familie und Freizeit vorherrschen, und eben in der Arbeit. Sind Erstere eher geprägt von Gefühlen, Vorlieben und Diskussionen, gelten für Arbeitsverhältnisse eben doch noch härtere Regeln. Wer die Arbeit erforscht, muss schon von Macht, Zwang und Unfreiheit sprechen. Für Max Weber etwa war es völlig selbstverständlich, die Aufnahme eines Arbeitsverhältnisses als „Eintritt in einen Herrschaftsverband“ zu charakterisieren. Die Freiheitsgrade der Gesellschaft als Ganzes entschieden sich dann in ihrem vorherrschenden Arbeitsverhältnis. Wer dagegen nur noch erforscht, was vor, nach oder ganz ohne Arbeit passiert, mag der Verlockung erliegen, zumindest Freiwilligkeit gleich zum Grundverhältnis unserer Gesellschaft zu erklären.

          Warum machen die Arbeitnehmer da mit?

          Gegen solche Versuchungen kann ein Blick in die Wirtschaft vorbeugen. Die Soziologinnen Katrin Auspurg und Stefanie Gundert beginnen ihre Studie zu prekären Beschäftigungsverhältnissen mit der Annahme, dass befristete Arbeitsverträge für einen Arbeitnehmer grundsätzlich von Nachteil sind. Erwiesenermaßen seien sie schlechter bezahlt und häufiger von psychischen Belastungen begleitet. Die Aufnahme einer solchen Beschäftigung könne also nur gezwungenermaßen erfolgen. Aber was oder wer zwingt dazu? Die Forschung hat sich mit dieser Frage bisher nur von Seiten der Arbeitgeber beschäftigt. Bedenkt man, dass nach Zahlen des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) von 2013 bereits fast die Hälfte aller Neueinstellungen auf befristeten Verträgen beruht, ist das erstaunlich. Auspurg und Gundert versuchen dagegen zum ersten Mal, die Motive der Arbeitnehmer auf experimentellem Weg zu erklären. Im Zentrum steht dabei der Begriff der Verhandlungsmacht. Warum akzeptieren Erwerbstätige für sie nachteilige Verträge? Was beeinflusst ihre Verhandlungsmacht, solche Angebote auch in Ermangelung eines besseren Angebotes abzulehnen?

          Die Autorinnen konnten für ihre Studie auf die repräsentativen IAB-Stichproben der deutschen Erwerbsbevölkerung von 2011 zurückgreifen. Es gelang ihnen damit, 3698 Personen in ihr Experiment einzubeziehen. Den Teilnehmern wurden in Telefongesprächen fiktive Jobangebote vorgelegt, die sich hinsichtlich Stundenzahl, Qualifikationsniveau und Bezahlung unterschieden. Insbesondere aber, ob die Anstellung befristet oder auf Dauer sein sollte. Daraus resultierten am Ende mehr als 18.000 ausgewertete Fälle von Annahme oder Ablehnung eines solchen Angebots.

          Jeder weitere befristete Job schwächt die Verhandlungsmacht

          Man sollte die Ergebnisse dieser Studie nicht nach ihrem Überraschungspotential bemessen. Erwartungsgemäß fällt dieses eher gering aus. Die Ergebnisse zeigen aber zunächst, so die Autorinnen, dass wirklich keiner gerne einen befristeten Job annimmt, völlig unabhängig von Status, Bildung und Alter. Äußerst gering sei die Bereitschaft, für einen Job einen Umzug in Kauf zu nehmen. Gehaltsfragen spielten immer eine große Rolle. Je höher aber die Bildung, desto geringer sei die Bereitschaft überhaupt, Befristungen zu akzeptieren. Arbeitslosigkeit erhöhe diese Bereitschaft zwar, ein aktuell befristeter Job aber nicht. Soll heißen: Auch wer im richtigen Leben schon auf dem Markt der prekären Beschäftigung gelandet ist, wolle da wieder raus. Gewöhnungseffekte oder Ähnliches gebe es nicht. Wer befristete Jobs annimmt, tue es schlicht aus Zwang. Seine Verhandlungsmacht sei schwach, und, so das Fazit der Autorinnen, jede weitere Befristung schwäche sie weiter.

          Gewiss leidet das experimentelle Design der Studie unter der methodischen Schwäche, dass sie nur fragen kann, wie sich jemand vorzugsweise verhalten würde. Aber auch so vermittelt sie das bemerkenswerte Bild der tiefen Verwurzelung des Ideals eines dauerhaften Arbeitsplatzes in den Einstellungen der deutschen Bevölkerung. Wenn das etwas beweist, dann den nach wie vor starken Bindungswillen der Deutschen, jedenfalls was den Arbeitsplatz betrifft. Dass eine wachsende Zahl Beschäftigter nicht mehr in den Genuss einer solchen Stabilität kommen wird, sollte auch von der allgemeinen Gesellschaftstheorie bedacht werden.

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