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March for Science : Die Wissenschaft als magische Glaskugel

  • -Aktualisiert am

Ist es sinnvoll, mit „Fakten“ für die Wissenschaft zu werben? Plakat vom March for Science 2019 im Rheinland Bild: Swenja Böttcher

Am Wochenende wurde zum dritten Mal weltweit für Forschung und Wissenschaft marschiert. Aber kann man, wie wieder zu lesen war, die Wissenschaft mit Begriffen wie „Fakt“ und „Wahrheit“ verteidigen? Eine philosophische Perspektive.

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          Auch in diesem Jahr, zum dritten Mal seit 2017, demonstrierten beim „March for Science“ weltweit Menschen für den Wert von Forschung und Wissenschaft – der Anlass der Veranstaltungen, eine wachsende Skepsis gegenüber wissenschaftlichen Forschungsergebnissen und Einschränkungen der wissenschaftlichen Freiheit, ist nach wie vor aktuell. Gleichzeitig ist aber zu beobachten, dass in Deutschland die Teilnehmerzahlen im Vergleich zu den vergangenen Jahren abgenommen haben. In einigen großen Universitätsstädten wie München fiel der March for Science sogar völlig aus. Auch wenn das offenbar schwindende Interesse mit Sicherheit auf viele verschiedene Gründe zurückzuführen ist, bietet es doch vielleicht Anlass, über den Sinn und die konkrete Umsetzung der Veranstaltung zu reflektieren.

          Eine gängige Kritik am March for Science hat sich in den vergangenen Jahren gegen ein naives Bild von Wissenschaft gerichtet, das in den Märschen scheinbar zum Ausdruck kommt und sich angeblich in Parolen wie „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Fakten klaut“, oder Aussagen wie „Es gibt keine Alternative zu Fakten“ und „In Science We Trust“ zeigt. Begriffe wie „Fakten“ und „Wahrheit“ implizierten demnach ein allzu irreführendes Bild von den Wissenschaften. Wissenschaftliche Methoden seien nicht so etwas wie magische Glaskugeln, in die Wissenschaftler blicken können, um die „Wahrheit“ oder die „Fakten“ zu erkennen. Ein solches Glaskugelbild der Wissenschaft lege die Rhetorik des March for Science aber nahe, behaupten die Kritiker.

          Diese Kritik wirft den Wissenschaftlern, kurz gefasst, ein wissenschaftsphilosophisch unreflektiertes Verhalten vor, das die Wissenschaften durch die Konstruktion eines realitätsfernen Bildes von Forschung in der Öffentlichkeit eher beschädige als stütze. Ich möchte diesen Einwand im Folgenden aus philosophischer Sicht entkräften.

          Auch in Frankfurt gingen in diesem Jahr wieder viele Menschen für Wissenschaft und Forschung auf die Straße.

          Grundsätzlich gibt es aus meiner Sicht zur Verteidigung des March for Science zwei mögliche Strategien, auf die Kritik, die ich kurz als „Glaskugeleinwand“ bezeichnen werde, zu reagieren.

          Eine mögliche Reaktion besteht darin, die Verwendung von Begriffen wie „Wahrheit“ und „Fakten“ zu verteidigen. Diese Strategie, die in philosophischen Debatten von den sogenannten „wissenschaftlichen Realisten“ verfolgt wird, findet sich bei den deutschen Organisatoren des March for Science 2019 selbst: Auf ihrer Website schreiben sie, Wahrheit sei „naturgemäß in einer sich ständig ändernden Welt und mit unseren stets begrenzten Mitteln unerreichbar; dennoch versucht Wissenschaft, sich ihr mit nachvollziehbaren Methoden bestmöglich anzunähern“. Die starke These des Besitzes von Wahrheit wird also abgeschwächt: in der Wissenschaft geht es lediglich um eine Annäherung daran.

          Der empirische Erfolg spricht für die Wissenschaft

          Die entscheidende Frage zu dieser Strategie lautet allerdings, was es genau heißen soll, sich der Wahrheit anzunähern und wie man eine solche Annäherung erkennen kann. Innerhalb der Philosophie gibt es auf diese Frage interessante Antworten. Beispielsweise besagt das berühmte „No miracle“-Argument für den wissenschaftlichen Realismus, dass der empirische Erfolg wissenschaftlicher Theorien am besten dadurch zu erklären sei, dass diese Theorien eben wahr sind oder sich zumindest der Wahrheit annähern. Wer den Glaskugeleinwand vorbringt, muss sich mit diesem und anderen Argumenten für den wissenschaftlichen Realismus auseinandersetzen. Der bloße Hinweis, eine realistische Perspektive auf Wissenschaft sei naiv oder irreführend, reicht hierbei nicht aus.   

          Wer die politischen Ziele des March for Science vertritt, muss sich jedoch nicht zwingend auf einen Realismus einlassen. Diese zweite Strategie findet sich beispielsweise auf der amerikanischen Website des March for Science. Hier gibt es keinen Bezug auf „Wahrheit“ oder „Fakten“. Tatsächlich werden dort zur Verteidigung der Wissenschaften weit weniger kontroverse Begriffe wie „empirische Bestätigung“ und „akademische Freiheit“ verwendet. Beide Begriffe möchte ich beispielhaft kurz erläutern.

          „Gut bestätigt“ anstatt „wahr“

          Klimawissenschaftler können tatsächlich guten Gewissens behaupten, die Hypothese, dass Klimawandel menschengemacht ist, sei empirisch sehr gut bestätigt. Was sie damit meinen ist, dass die Beobachtungen und Messungen diese Hypothese sehr gut stützen. Metaphorische Ausdrücke wie „gut gestützt“,  „gut bestätigt“ oder „evidence-driven“ sind eher in der empiristischen (statt realistischen) Tradition der Wissenschaftsphilosophie (wie z.B. der logische Positivismus des Wiener Kreises und der konstruktive Empirismus von Bas van Fraassen) angesiedelt. Diese Tradition schreckt vor Begriffen wie „Annäherung an die Wahrheit“ zurück, weil es weder sinnlich wahrnehmbar noch durch wissenschaftliche Methoden messbar ist, ob sich wissenschaftliche Theorien der Wahrheit annähern oder nicht.

          Dieses Plakat gegen alternative Fakten war 2017 in Freiburg zu sehen.

          In Philosophie und Wissenschaft werden Begriffe wie „Bestätigung“ meist mit Hilfe der Wahrscheinlichkeitstheorie bzw. der Statistik genauer definiert. Es gibt u.a. sogenannte frequentistische und bayesianische Varianten solcher Definitionen, deren mathematische Details hier nicht relevant sind. Der entscheidende Punkt ist vielmehr, dass „Bestätigung“ eine intersubjektiv nachvollziehbare Beziehung zwischen Theorien (oder Hypothesen) und dem, was Wissenschaftler beobachtet haben, bezeichnet. Dies unterscheidet Bestätigung von einer „Annäherung an die Wahrheit“ – zumindest aus Sicht der empiristischen Tradition. Gleichzeitig hilft der Begriff der Bestätigung, wissenschaftsfeindliche Tendenzen zu kritisieren, da Klimaskeptiker etwas behaupten, das keineswegs empirisch gut bestätigt ist.

          Bedrohung akademischer Freiheit

          Der Begriff der „wissenschaftlichen Freiheit“ bezieht sich darauf, dass gute Wissenschaft von der rechtlichen Garantie lebt, dass sie in Forschung und Lehre relativ unabhängig vom Staat und seinen Interessen agieren kann – wie bereits der Philosoph John Dewey und der Wissenschaftssoziologe Robert K. Merton argumentiert haben. Die Argumentation für die Wichtigkeit wissenschaftlicher Freiheit taucht auch auf der Website des March for Science 2019 auf, wo zu lesen ist: „Freiheit, möglicherweise der wichtigste Wert unserer Demokratie, ist die Voraussetzung dafür, dass Wissenschaft ergebnisoffen arbeiten kann“. Genau diese akademische Freiheit ist leider sogar in Europa nicht immer selbstverständlich,  so wird sie beispielsweise den Kollegen an der Central European University und der Akademie der Wissenschaft in Budapest gegenwärtig durch Viktor Orbáns Regierung genommen. Dafür ist letztere scharf und unmissverständlich zu kritisieren – ohne dass dazu ein Bezug auf „Wahrheit“ und „Fakten“ nötig wäre.

          Zusammenfassend sind also einerseits gute Argumente vonnöten, wenn der March for Science pauschal für die Verwendung von Begriffen wie „Wahrheit“ und „Fakten“ kritisiert wird. Andererseits ist es für Unterstützer des March for Science durchaus lohnenswert, sich zu fragen, wie stark man die politischen Ziele des March for Science mit Begriffen wie „Wahrheit“ und „Fakten“ verknüpfen sollte. Wenn man diese letztlich philosophische Frage beantworten will, ist meiner Ansicht nach ein wichtiges Fazit, dass das politische Anliegen des March for Science von verschiedenen philosophischen Perspektiven auf Wissenschaft getragen werden kann. Ein wissenschaftlicher Realismus funktioniert hier genau wie eine empiristische Position. Diese Offenheit scheint mir kein Nachteil für den March for Science zu sein, sondern ein großer Vorteil. Zum Glück muss nicht erst eine philosophische Debatte entschieden werden, bevor man mit gutem Grund auf die Straße gehen kann.      

          Der Autor

           

          Alexander Reutlinger arbeitet als Akademischer Rat an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er forscht und lehrt im Bereich Wissenschaftsphilosophie.

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