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Schule und Leben : Philosophieverdrossenheit

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Yvonne Gebauer, Schulministerin von Nordrhein-Westfalen, lässt sich die Steuerung eines Roboters mithilfe eines Tablets erklären. Wer solchen Technikunterricht absolviert hat, kennt vielleicht alle Antworten, aber nicht alle Fragen. Bild: dpa

Viele Schulen fördern eifrig die Naturwissenschaften, auch außerhalb des Unterrichts. Wo bleibt die Philosophie? Ein Schüler fragt nach.

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          Das Leben hat keinen Sinn. Werfe ich, als Achtzehnjähriger, Leuten in meiner Altersklasse diese Aussage vor die Füße, so erwarte ich einen philosophisch spannenden Diskurs, vielleicht nicht auf einem hohen akademischen Niveau, aber doch so, dass ein vernünftiger Konsens aus der Diskussion hervorgeht. Doch anscheinend ist dieser Anspruch an viele Bekannte aus dieser Altersgruppe noch immer zu hoch. Spreche ich weiterhin davon, dass ich mich nun einmal gerne mit der Philosophie auseinandersetze und ich mich in meiner Freizeit beispielsweise mit Jean-Paul Sartres Werk „Das Sein und das Nichts“ befasse, so stoße ich auf noch mehr Unverständnis, als ich es mit eingangs erwähnten Aussagen eh schon tue.

          Dieses Unverständnis äußert sich zumeist in Fragen danach, warum ich denn derart meine Zeit „verschwende“, indem ich mich mit solch „komplizierten“ Dingen auseinandersetze. Ferner werden meine Versuche, ein philosophisch angehauchtes Gespräch zu führen, durch Aussagen wie „Das interessiert mich sowieso nicht!“ oder „Ich lebe im Hier und Jetzt, was soll mich so was dann interessieren?“ zunichte gemacht. Ich sehe diese von mir so wahrgenommene Entwicklung als problematisch an.

          Dächten alle so, wie ich es angesprochen habe, so ginge die Philosophie langsam, aber sicher unter, da sich bereits jetzt eine gewisse Philosophieverdrossenheit durch die Gesellschaft zieht. Schon jetzt scheint es mir in meiner Altersklasse der Fall zu sein, dass sich kaum jemand mit wichtigen philosophischen Fragen, wie der Frage nach dem Sein oder verschiedenen Todesvorstellungen, auseinandersetzen möchte.

          Exzellenz wird mit Naturwissenschaft gleichgesetzt.

          Ein Umstand, der diese Philosophieverdrossenheit nährt, ist die Ausrichtung der Schule. Allzu häufig werden lediglich naturwissenschaftliche Interessen gefördert, so dass die Geisteswissenschaften unter den Tisch fallen. Projekte wie der von den Kultusministern geförderte eingetragene Verein mathematisch-naturwissenschaftlicher Excellence-Center an Schulen (MINT-EC) vermittelt dem Schüler gewissermaßen den Eindruck, dass es überhaupt keine Möglichkeiten gebe, sich außerhalb des Unterrichts in irgendeiner Form den Geisteswissenschaften zu widmen.

          Außerdem gibt es, zumindest an meiner Schule, für die Schüler, die an Geisteswissenschaften interessiert sind, immer gleich öde und monotone, aber dennoch verpflichtende Vorträge über allerlei Themen aus den naturwissenschaftlichen Bereichen. Hier tut sich ein tragisches Problemfeld auf: Behandelt man die Geisteswissenschaften als unwichtig, werden sie verschwinden.

          Für einen geisteswissenschaftlich interessierten Schüler scheint der Naturwissenschaftsstoff immer gleich. Er wird wiedergekäut und wirkt auf Dauer einschläfernd. Der verzweifelte Wunsch eines Schülers, der den Naturwissenschaften nahezu gänzlich abgeneigt, dafür den Geisteswissenschaften umso mehr zugeneigt ist, sei deshalb hier ausgesprochen: Man möge auch schulisch unterstützte Förderprojekte für Geisteswissenschaften schaffen. Und vielleicht gibt es irgendwann auch wieder mehr Personen in unserer Gesellschaft, die auf die Frage „Warum?“ nicht mehr nur mit „Darum!“ antworten, sondern wieder beginnen, sich dem „Warum?“ zu widmen und es kritisch zu hinterfragen.

          (Der Autor besucht die 12. Jahrgangsstufe des Gymnasiums Ulricianum in Aurich.)

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