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Academia.edu im Test : Papers sind geduldig

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Ein Reiter will ich werden, wie mein Doktorvater einer war: Nach diesem Motto demonstriert der Nachwuchs bei Academia.edu Fleiß und Treue. Der Bamberger Reiter ist hier kein Endzeitkaiser - seine Deutungen vermehren sich in alle Ewigkeit. Bild: Wikimedia Commons

21 Millionen Aufsätze warten auf ihre Leser: Wo der offene Zugang keine Utopie mehr ist, bekommt man vielleicht die reine Digitalität zu fassen. Zu Besuch in der Welt von Academia.edu.

          6 Min.

          Academia.edu: 99 Millionen Benutzer, Zugang zu 21 Millionen wissenschaftlichen Aufsätzen – so die Zahlen für 2019, mitgeteilt vom Dokumentenserver selbst. Die Probleme dieser Plattform fangen schon beim Namen an und der Beanspruchung der Top-Level-Domäne „edu“ für ein wirtschaftliches Unternehmen. Aber davon abgesehen: Dieses Paper, so würde ein Abstract bei Academia.edu beginnen, will untersuchen, welche Folgen ein solches Repositorium hat: für seine Zulieferer und für das Format des akademischen Papers. Letzteres ist ja unter dem Einfluss der Naturwissenschaften zum Leitmedium aller Wissenschaften geworden.

          Die Plattform publiziert erstens Aufsätze, die in anerkannten wissenschaftlichen Organen erschienen und durch eine Peer Review gegangen sind und jetzt noch einmal zugänglich gemacht werden, und zweitens Arbeiten, welche die Autoren in eigener Verantwortung einstellen. Zu letzteren möchten wir auch alle Texte rechnen, die vorher in Open-Access-Journalen ohne Peer Review erschienen waren. Academia.edu sagt, dass es dieses Material selbst einer Prüfung unterwirft, aber nicht vor, sondern während der Veröffentlichung, was auch immer das heißen mag.

          Hier interessiert nur die zweite Textsorte, „printed on own demand“ sozusagen oder Academia.edu als Preprint-Server. Es geht um zur Gänze computergenerierte Forschung: recherchiert und geschrieben auf dem Rechner, in Datenbanken eingestellt und gespeichert, von ihnen abgerufen und elektronisch bezahlt, gelesen, geteilt, exzerpiert und zu neuen digitalen Dokumenten verarbeitet. Die Reinheit dieses Stoffes ist ein großer Anreiz, aus ihm das Grundelement D für Digitalität zu extrahieren. (Ob man es glaubt oder nicht: Unter den 118 anerkannten Elementen gibt es das D nicht – es sei hiermit angemeldet.)

          Die Ergebnisse lassen sich nicht wiederholen, die Aufsätze wohl

          Die Millionenzahl der Texte scheint zunächst diesem Versuch entgegenzustehen, aber nach einer relativ kurzen Probezeit merkt man, dass das handelsübliche Academia.edu-Paper ziemlich konform ausfällt, wie aus einer Matrize herausgedrückt. Diese erste Wahrnehmung mag damit zu tun haben, dass sich kein Fach aktiver auf der Plattform ausbreitet als die Sozialpsychologie (rhizomatisch in Zeitgeschichte, Medien, Geschlechter-Thematik auswuchernd), ein Fach, das sehr genau weiß, wie ein akzeptables Paper gebaut wird, dafür aber mit relativ wenig Forschung zufrieden ist und deswegen seit geraumer Zeit in einer „replication crisis“ steckt – die flink gewonnenen Ergebnisse lassen sich oft nicht wiederholen.

          Vieles entsteht eben unter dem Zwang zur Steigerung des Outputs und geht als Mengen-Wesen aus stetiger Zellteilung hervor. So dass wir ein schönes Paradox antreffen: Die Ergebnisse lassen sich nicht wiederholen, die Aufsätze aber ad infinitum. Man rechnet pro Jahr derzeit mit 1,8 Millionen neuen Papers, davon wurden grob überschlagen 400 000 in sogenannten Junk Journals publiziert. Selbst-Plagiate sind ein großes Thema.

          Wer für Academia.edu schreibt, beginnt mit der Beschreibung dessen, was er machen wird und lässt dann die bisherigen Lösungen des Problems Revue passieren. Aus der Rolle des Vermittlers wechselt dann der Autor eines klassischen Academia.edu-Textes meist ziemlich abrupt in die Rolle des Entscheiders, und es erfolgt zur Einordnung einiger Daten und Beobachtungen der Zugriff auf eine angesagte Methode oder Forschungsthese und auf eine sanktionierende Gelehrtenperson: Der Fall wird mit diesem Beistand gelöst und dann das Ganze zwanghaft wiederholt. Und siehe da, wir finden das im Abstract vorweggeschickte Ergebnis bestätigt. Klappe zu, will sagen: Open Access.

          Gestern ist man doch schon wieder in Nanterre zitiert worden

          Was sich auf diese Weise nicht vermehrt, ist die Spezies „der große Aufsatz“. Jeder kennt sie, diese Texte. Hier reicht es, wenn wir sagen, dass sie nicht in ein Abstract passen und ganz anders erinnert werden. Bei einer Recherche über einen solchen Text stieß ich auf eine junge akademische Person, die 48 Papers bei Academia.edu eingestellt hat, davon sind gefühlte 80 dem Verfasser dieses großen Aufsatzes und seinen politischen Verfehlungen gewidmet, einige doppelt, weil in fremde Sprachen übersetzt und viel Meta-Ware: Kommentare, Rezensionen, Literaturberichte. Papers über Papier. Das Netz und Academia.edu verführen zum Ausbringen von Streugut.

          Fast tragisch mutet an, dass sich unter dem monothematischen Material ein ganz anderer Artikel fand, eine Betrachtung zum Thema der prekären Situation junger WissenschaftlerInnen in Deutschland. Was dort beschrieben und kritisiert wird, steht da alles zu recht. Nur, welche Chancen auf dem engen Stellenmarkt rechnet sich jemand aus, der 48 (minus 1) gleichgerichtete Texte und eine bereits einschlägige Dissertation vorlegt? Wichtiger noch: Wie möchte er, dass der Auftrag des Faches inner- und außeruniversitär wahrgenommen wird? Metakritik forever? (Man fragt sich bei dieser Gelegenheit, wie schon bei den vermehrt auftretenden Plagiatsvorwürfen gegen Qualifikationsschriften, was eigentlich Betreuer und Betreuerinnen des akademischen Nachwuchses so tun. Halten sie sich die ganze Zeit in Bibliotheken auf?)

          Das Netz legt den Umgang mit den Plattformen (ich habe das Wort nicht erfunden) schonungslos offen, die Beobachtbarkeit steigt. Academia.edu ist für gewiefte Berufungskommissionen, was Instagram, was Whatsapp für den Personalchef sind, wenn er sich über die Bewerbungen auf eine Nachwuchsstelle beugt. Gut, man nennt das Wissenschaftskommunikation, und bei Academia.edu ist man stolz darauf, dass man auflistet, wer wen wo zitiert und wer über dasselbe Thema forscht. Das führt dann zu den lästigen, unverlangt eintreffenden Meldungen, dass man gestern in Nanterre zitiert wurde. 338 Follower sind es im oben angesprochenen Fall: Ist das viel oder wenig? Konstituiert sich so kritische Öffentlichkeit oder findet eine Gemeinde zusammen, eine dieser „Neugemeinschaften“, die wie der kleine Häwelmann „Mehr, mehr!“ schreit.

          Suchen wir im Sinne Benjamins das Digital-Unbewusste!

          Wir sind bisher nur auf eine sehr erwartbare Qualität computergenerierter und -kommunizierter Forschung gestoßen: das Maschinengemachte. Über alles Quantitative, Konforme und schnell Edierte hinaus konnten wir so etwas wie eine digitale Differenz nicht feststellen. Die gängigen Paper-Formate wurden von den rechneraffinen Wissenschaften schon vor dem digitalen Zeitalter generiert, durch Softskills-Lehre fachübergreifend durchgesetzt und vom Computer sanktioniert.

          Fragen wir tiefer gehend nach dem, was man das Digital-Unbewusste nennen könnte, in Anlehnung an Benjamins Begriff vom Optisch-Unbewussten! Später sprach Marshall McLuhan von der Tatsache, dass „der ,Inhalt‘ jedes Mediums der Wesensart des Mediums gegenüber blind macht“. Es kam uns ein Text unter, der im Bestreben, ein großer Aufsatz zu werden, als idealer Aufsatz im Zeitalter seiner elektronischen Pro- und Reproduzierbarkeit endete. Verfasst wurde er von einer akademischen Person, die nicht in Deutschland lehrt, aber über ein sehr deutsches Thema geschrieben hat: den Bamberger Reiter.

          Zum Digital-Bewussten dieses als Preprint eingestellten Textes gehört zunächst, dass nicht neue Materialien vorgelegt werden, sondern dass der Gegenstand selbst Hashtag- oder Tag-Qualitäten hat. Diese Höhe baut man in Form eines Literaturberichts nach – in diesem Fall sind es acht Seiten, im Normalfall weniger. Man verachte gerade diese Übung nicht als Traditionsrest. Es ist richtig, dass ein solches Resümee eigentlich gegen die genuine Möglichkeit der Hypertextualität verstößt, indem es die vielen Prätexte in einen traditionell linearen Forschungsbericht einspeist, aber so leicht lässt sich das Digital-Unbewusste nicht verdrängen. Zumindest nicht in diesem Fall, der möglicherweise ein Vorbote ist für vieles.

          Open Access fordert das offene Kunstwerk – und umgekehrt

          Der Apparat, welcher es dem Cliqueur und der Cliqueuse bein Literaturbericht ermöglicht, von einer Textebene zur nächsten und zurück in Sekundenschnelle zu wechseln, könnte auf die Wahrnehmung und Bewertung der Prätexte abfärben. Grenzenlose Disponibilität ist gegeben, ohne Zweifel, ist aber immer noch zu funktionalistisch gedacht. Wann und wie feiert und streichelt das Meta- und Multimedium Computer sich selbst? Dann würden wir von Digitalität pur sprechen.

          Unser Text referiert wie gesagt auf acht Seiten die Forschungsgeschichte; Heinz Gockel hatte dies 2006 auf 80 Seiten getan, aber die Länge ist nicht das Entscheidende, sondern der Titel und die Zielsetzung: „Der Bamberger Reiter. Seine Deutungen und seine Deutung“. Mit „seine Deutung“ meinte Gockel seine eigene, die letztgültige Deutung. Das entspricht dem marktgängigen Academia.edu-Paper, welches den Fächer der „fortuna critica“, wie in Italien der Literaturbericht heißt, gönnerhaft aufschlägt, um ihn dann um so entschiedener wieder zu schließen. Der neue Text lässt ihn offen, bleibt bei der Pluralform, bei „seine Deutungen“ und erklärt das offene Ende zur Absicht des Schöpfers.

          Wir müssten die Aporie ganz ernst nehmen, dass ein Werk derart weit auseinanderliegende Interpretationen erzeugt: einer der Heiligen drei Könige, Friedensfürst, König Stephan von Ungarn, König Konrad III., König Philipp von Schwaben, die apokalyptische Figur des Messias etc. etc. Fehlt uns ein Wissen, das der mittelalterliche Mensch hatte, oder war eine spezifische Identifizierung nie angestrebt? Die Antwort: „Das Paper argumentiert, dass die Skulptur mit Absicht als ein pures Simulacrum geschaffen wurde, also weder eine Allegorie noch eine historische Persönlichkeit darstellt.“ Als „Spekulation der Betrachter“ wird sie uns angeboten, „als Wachs, auf dem die subjektiven Erwartungen sich abdrücken“. Open Access fordert das offene Kunstwerk – den Satz kann man in beide Richtungen lesen.

          Der Rechner macht sich nicht nur bei der Bereitstellung von allem nützlich. Wenn im Fall des Bamberger Reiters nicht entschieden und die Nichtlösung zur Lösung erklärt wird, dann erkennt sich das Universalgerät in dieser Universalfigur wieder und gelangt zu seiner Nichtidentität, die ohne Grenzen auskommen muss. Hans-Joachim Lenger hat das in seinem „Essay zur Differenz“ schon 2001 so erklärt „Weil der Computer Simulation jedes anderen Mediums ist ,und sonst nichts‘, ist er Rahmung als Zerfall jeder Rahmung oder, wie sich ebenso sagen ließe: Rahmung dieses Zerfalls jeder Rahmung.“

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