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Offener Brief an Europas Regierungschefs : Welche Rolle wird die Wissenschaft in Europas Zukunft spielen?

  • Aktualisiert am

Bis zum Jahr 2010 sollte Europa zur „wettbewerbsfähigsten, wissensbasierten Wirtschaftsregion der Welt bis zum Jahr 2010“ gemacht werden, hatten die Staats- und Regierungschefs vor zwölf Jahren beschlossen. Das Ziel ist noch nicht erreicht. 42 Nobelpreisträger und fünf Träger der Fields-Medaille erinnern daran.

          3 Min.

          An die Staats- und Regierungschefs der Mitgliedstaaten der Europäischen Union, Präsidenten des Europäischen Parlaments, der Europäischen Kommission und des Rates der Europäischen Union

          Oft heißt es, dass jede Krise auch eine Möglichkeit eröffnet. Die gegenwärtige Krise zwingt uns jedoch zu Entscheidungen. Eine dieser Entscheidungen betrifft die Wissenschaft und ihre Förderung. Im Jahr 2000 haben Sie und Ihre Vorgänger sich das Ziel gesetzt, Europa zur „wettbewerbsfähigsten, wissensbasierten Wirtschaftsregion der Welt bis zum Jahr 2010“ zu machen. Das Ziel ist ehrgeizig und lobenswert, doch haben wir es noch nicht erreicht.

          Wissenschaft kann uns helfen, viele der drängenden, sich uns heute stellenden Fragen, zu beantworten: Neue Wege, um Energie nutzbar zu machen; neue Formen der Produktion und neue Produkte zu finden; ein besseres Verständnis des Funktionierens unserer Gesellschaften zu erlangen, und wie wir sie besser ordnen können. Und wir stehen erst am Anfang eines revolutionären neuen Verständnisses unseres Körpers, das die Gesundheit und Lebensdauer aller in noch nicht abschätzbarer, vielfältiger Weise positiv beeinflussen wird.

          Europa steht in vielen Bereichen der Wissenschaft an der Spitze. Um in der heutigen globalen, dynamischen Welt wettbewerbsfähig zu bleiben und um dauerhaften Wohlstand sicherzustellen, muss dieses Wissen in innovative neue Produkte, Dienstleistungen und Industriezweige umgewandelt  werden.

          Wissen kennt keine Grenzen. Der globale Markt für ausgezeichnete Talente ist heiß umkämpft. Europa kann es sich nicht leisten, seine besten Forscher und Lehrer zu verlieren; umgekehrt gewinnt es viel, wenn es Talente von anderswo anzieht. Wenn die Mittel für exzellente Forschung reduziert werden, geht auch die Zahl der am besten ausgebildeten Forscher zurück. Im Falle einer drastischen Kürzung des EU-Budgets für Forschung und Innovation riskiert Europa, eine ganze Generation talentierter Wissenschaftler zu verlieren – just zu dem Zeitpunkt, in dem sie am dringendsten gebraucht werden.

          Der Europäische Forschungsrat (ERC) hat in bemerkenswert kurzer Zeit globale Anerkennung erfahren. Er finanziert die besten Forscher in ganz Europa unabhängig von ihrer Nationalität: exzellente Forscher, exzellente Projekte. Somit bietet er eine unschätzbar wertvolle Ergänzung zu den nationalen Förderstrukturen für die Grundlagenforschung an.

          Forschungsförderung auf europäischer Ebene ist ein Katalysator für die effizientere Verwendung unserer Ressourcen und verstärkt nationale Budgets in effektiver Weise. Diese EU-Mittel sind daher besonders wertvoll. Ihr Einsatz hat bewiesen, dass damit wesentliche Vorteile für die europäische Wissenschaft erzielt werden, deren Erträge in zunehmendem Maße der Gesellschaft zugute kommen. Darüber hinaus steigern sie die internationale Wettbewerbsfähigkeit Europas.

          Es ist entscheidend, dass wir auf gesamteuropäischer Ebene das Forschungs- und Innovationspotential in all seinem außerordentlichen Reichtum in ganz Europa unterstützen und, noch wichtiger, ermutigen. Wir sind überzeugt, dass auch die Generation der Nachwuchswissenschaftler ihre Stimme erheben wird – und Sie sollten hinhören, was diese zu sagen hat.

          Unsere Frage an Sie, die Staats- und Regierungschefs, die sich am 22. und 23. November in Brüssel treffen werden, um das EU-Budget für 2014 bis 2020 zu beschließen, ist eine einfache: Wenn die Zahlen des zukünftigen Budgets für Europa bekanntgegeben werden, welche Rolle wird die Wissenschaft in Europas Zukunft spielen?

          Die Unterzeichner

          Nobelpreisträger:
          Sidney Altman, Chemie 1989
          Werner Arber, Medizin 1978
          Robert J. Aumann, Wirtschaft 2005
          Francoise Barré-Sinoussi, Medizin 2008
          Günter Blobel, Medizin 1999
          Mario Capecchi, Medizin 2007
          Aaron Ciechanover, Chemie 2004
          Claude Cohen-Tannoudji, Physik 1997
          Johann Deisenhofer, Chemie 1988
          Richard R. Ernst, Chemie 1991
          Gerhart Ertl, Chemie 2007
          Sir Martin Evans, Medizin 2007
          Albert Fert, Physik 2007
          Andre Geim, Physik 2010
          Serge Haroche, Physik 2012
          Avram Hershko, Chemie 2004
          Jules A. Hoffmann, Medizin 2011
          Roald Hoffmann, Chemie 1981
          Robert Huber, Chemie 1988
          Sir Tim Hunt, Medizin 2001
          Eric R. Kandel, Medizin 2000
          Klaus von Klitzing, Physik 1985
          Sir Harold Kroto, Chemie 1996
          Finn Kydland, Wirtschaft 2004
          Jean-Marie Lehn, Chemie 1987
          Eric S. Maskin, Wirtschaft 2007
          Dale T. Mortensen, Wirtschaft 2010
          Erwin Neher, Medizin 1991
          Konstantin Novoselov, Physik 2010
          Sir Paul Nurse, Medizin 2001
          Christiane Nüsslein-Volhard, Medizin 1995
          Venkatraman Ramakrishnan, Chemie 2009
          Sir Richard J. Roberts, Medizin 1993
          Heinrich Rohrer, Physik 1986
          Bert Sakmann, Medizin 1991
          Bengt I. Samuelsson, Medizin 1982
          John E. Sulston, Medizin 2002
          Jack W. Szostak, Medizin 2009
          John E. Walker, Chemie 1997
          Ada E. Yonath, Chemie 2009
          Rolf Zinkernagel, Medizin 1996
          Harald zur Hausen, Medizin 2008

          Träger der Fields-Medaille:
          Pierre Deligne, 1978
          Timothy Gowers, 1988
          Maxim Kontsevich, 1998
          Stanislav Smirnov, 2010
          Cedric Villani, 2010

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