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Friedensforschung : Neue Allianzen gegen Klimakonflikte

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An dieser Stelle stand die ehemalige UN-Friedensmission Mission in Darfur (UNAMID). Sie wurde nach dem Abzug der Blauhelm-Soldaten Ende 2020 von einheimischen rivalisierenden Gruppen zerstört. Bild: AFP

Weltrettung braucht Weltfrieden: Die Wissenschaftsgemeinden müssen Grenzen überschreiten und Strategien entwickeln, um Klimakonflikten zu begegnen. Ein Gastkommentar.

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          Die Klimakrise bedroht den Frieden. Das zeigt die Wissenschaft in der vergangenen Dekade deutlicher denn je. Die Klimaforschungs- und Friedens-Communitys müssen daher zusammenarbeiten und Lösungsvorschläge präsentieren. Auch die Bundesregierung sollte ihre Ambitionen erhöhen.

          Als Ban Ki-moon 2007 behauptete, dass der Bürgerkrieg im sudanesischen Darfur eine Folge des Klimawandels sei, wurde er dafür von vielen Seiten kritisiert. Inzwischen verdichtet sich jedoch die Beweislage, dass der voranschreitende Klimawandel zweifellos verheerende Konsequenzen für Menschen in fragilen Staaten hat und Interessenkonflikte um die Nutzung von Gemeingütern verschärft. Bereits 2018 befanden sich laut dem Friedensforschungsinstitut SIPRI acht der zehn größten multilateralen Friedenseinsätze in Ländern, die dem Klimawandel extrem stark ausgesetzt sind.

          Natürlich ist die Ursachenforschung von Konflikten komplex, und Klimafolgen dürfen auf keinen Fall als Deckmantel für Menschenrechtsverletzungen und Unterdrückung durch autoritäre Regime missbraucht werden. Das Wissen um den Zusammenhang zwischen Klimawandel und Konflikt, das vor allem durch die Zusammenarbeit und den Austausch der Friedensarbeit und der Wissenschaft bereichert wird, ist jedoch entscheidend für den Versuch, Konflikte friedlich zu lösen und durch präventive Ansätze Eskalationen zu verhindern.

          Andrew Gilmour, Executive Director der Berghof Foundation, einer internationalen Friedens-Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Berlin
          Andrew Gilmour, Executive Director der Berghof Foundation, einer internationalen Friedens-Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Berlin : Bild: Berghof Foundation

          Vor allem ethnisch unterteilte Gesellschaften, deren wirtschaftliche Grundlagen die Landwirtschaft und Rohstoffgewinnung sind, haben ein höheres Risiko für Konfliktausbrüche nach Extremwetterereignissen wie Dürren. Die Gründe dafür sind vielfältig und hängen vom sozial-ökonomischen Kontext und von politischem Ressourcenmanagement ab. In Somalia und Syrien etwa führen Ernteausfälle zu Hunger und existenzieller Bedrohung der ländlichen Bevölkerung. Zusätzlich können die Menschen, deren Wirtschafts- und Lebensweise eng miteinander verknüpft sind, ihre lokalen Kenntnisse nicht mehr ausreichend anwenden. Dadurch sind ihre traditionellen Identitäten bedroht, und das soziale Gefüge gerät unter Druck. Nichtstaatliche bewaffnete Gruppen nutzen diese Gemengelage bereits aus und rekrutieren gezielt marginalisierte Gruppen. Dadurch verschärfen sich Konflikte, und die Gewalt steigt.

          Ottmar Edenhofer, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC)
          Ottmar Edenhofer, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) : Bild: Reuters

          Ein anderes Beispiel für die vielschichtigen Zusammenhänge zwischen Klimafolgen und der Entwicklung von Konflikten ist die weiterhin fragile Lage in Afghanistan. So ist die afghanische Bevölkerung neben dem anhaltenden Konflikt extrem von Naturkatastrophen betroffen. Durch Gletscherschmelze ausgelöste Überschwemmungen sowie wiederkehrende Dürren stellen Landwirte vor existenzielle Herausforderungen. In Abwesenheit funktionaler staatlicher Strukturen floriert hingegen der Drogenhandel in vielen Teilen des Landes. Die Aufzucht von Mohn zur Herstellung von Opium und Heroin ist weniger anfällig für Dürren und weitaus profitabler als der Anbau anderer Nutzpflanzen. Studien zeigen einen direkten Link zwischen der Drogenökonomie und der anhaltenden Instabilität im Land. Mediatoren befürchten, dass die mit den Konfliktparteien teils verbündeten Akteure der organisierten Kriminalität die afghanischen Friedensverhandlungen behindern könnten.

          Heuschreckenschwarm in Somalia
          Heuschreckenschwarm in Somalia : Bild: obs

          Friedensarbeit und Klimaforschung stärker verzahnen

          Die Beispiele verdeutlichen, wie wichtig es ist, Klimafolgenabschätzungen in Friedensbestrebungen einzubinden und auf den Verhandlungstisch zu legen. Erst vor Kurzem sagte Staffan de Mistura, ehemaliger UN-Sonderbeauftragter für Syrien, der in den letzten 50 Jahren in 22 Konfliktgebieten arbeitete: „Die einschneidenden Konsequenzen des Klimawandels für lokale Konflikte sind beispiellos. Deswegen ist es dringend notwendig, Aufmerksamkeit darauf zu lenken, globale Lösungen für diese Herausforderung zu finden.“

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