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Friedensforschung : Neue Allianzen gegen Klimakonflikte

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Unser Verständnis von dem Zusammenhang zwischen Klimafolgen und Konflikten gründet sich auf der Beobachtung relativ kleiner Veränderungen, die durch die bisher erfolgte Erwärmung von etwa ein Grad über dem vorindustriellen Niveau ausgelöst wurden. Es besteht jedoch die ernste Gefahr, dass die Zwei-Grad-Grenze für die globale Erwärmung innerhalb der nächsten 30 Jahren überschritten werden könnte, was die Risiken für Frieden und Sicherheit um ein Vielfaches erhöhen würde. Zudem entstehen neue Bedrohungen wie die Corona-Pandemie, welche klimabedingte Risiken für Frieden und Sicherheit weiter vergrößern. Die Risikolandschaft verändert sich schnell, und klimabedingte Sicherheitsrisiken werden sich in Zukunft vervielfachen.

Präventive Maßnahmen sind ein wichtiger Schritt, um die klimabedingten Sicherheitsrisiken zu verhindern: Besonders wichtig sind dabei rapide Emissionsminderungen, die Anpassung an Umweltveränderungen in fragilen Staaten und Konfliktmediation. Die Einhaltung des Pariser Klimaabkommens erfordert eine Dekarbonisierung praktisch aller Sektoren, dies betrifft auch den Bereich Sicherheit und Verteidigung. Dafür sind sowohl technologische Innovationen als auch politische Anreize notwendig, wie ein höherer CO₂-Preis. Des Weiteren können wissenschaftliche Erkenntnisse die Praxis der Entwicklungszusammenarbeit und Katastrophenvorsorge verbessern. So sollten saisonale Vorhersagen von Ernteausfällen gezielt genutzt werden, um eine ausreichende Lebensmittelversorgung sicherzustellen und den damit verbundenen Sicherheitsrisiken zuvorzukommen.

Der Anbau von Mohn ist in Afghanistan ein lukratives Geschäft, an dem viele verdienen, auch die Taliban. Sie finanziert damit unter anderem ihre Waffen.
Der Anbau von Mohn ist in Afghanistan ein lukratives Geschäft, an dem viele verdienen, auch die Taliban. Sie finanziert damit unter anderem ihre Waffen. : Bild: AFP

Mehr Krisenmanagement und Kriegsprävention

Angesichts der sich verschärfenden Bedrohungslage für Mensch und Umwelt brauchen wir eine stärkere Verzahnung der Friedensarbeit und der Klimaforschung. Es ist unerlässlich, den Klimawandel in einem breiteren Kontext weiterer Risiken für Frieden und Sicherheit zu verankern. Die Rolle ökologischer Veränderungen in der Entstehung und Verschärfung von Konflikten sowie bei Friedensverhandlungen müssen wir besser verstehen und neue Konzepte für klimasensible Mediation kontextspezifisch entwickeln. Klimawandelbedingte Umweltveränderungen sollten verstärkt in informelle und formelle Mediationsprozesse und Friedensgespräche einbezogen werden. Das Projekt „Good Water Neigh­bors“, das Gemeinden in Israel, Palästina und Jordanien in Hinblick auf Verteilung von Wasserressourcen zusammenbrachte, zeigt, dass Umweltschutz und Ressourcenverteilung eine gute Voraussetzung für die Kooperation zwischen Konfliktparteien sein können.

Während der zweijährigen Mitgliedschaft im UN-Sicherheitsrat hat die Bundesregierung das Thema Klimasicherheit auf die Tagesordnung gesetzt und forderte beispielsweise die Berufung eines Sonderbeauftragten für Klimasicherheit. Eine bindende Resolution konnte jedoch nicht erreicht werden. Es bedarf nun weiterer Anstrengungen, um den wachsenden Risiken zu begegnen. Dafür sollte die Bundesregierung auf neue Allianzen setzen, um kohärente, sektorenübergreifende Strategien für ein starkes Krisenmanagement und Kriegsprävention zu entwickeln. Solche Strategien sollten auf Erkenntnissen beruhen, die aus einem kontinuierlichen, interdisziplinären Austausch zwischen Wissenschaft, Politik und zivilgesellschaftlichen Organisationen entstehen. Ein erkenntnisbasierter Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis würde die Antizipation der Sicherheitsrisiken des Klimawandels wesentlich verbessern und somit die Voraussetzungen dafür schaffen, kommende Krisen zu verhindern und bestehende Konflikte nachhaltig zu transformieren.

Andrew Gilmour ist Executive Director der Berghof Foundation, einer internationalen Friedens-Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Berlin.

Ottmar Edenhofer ist Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC).

MItarbeit geleistet haben:  Kira Vinke, Co-Vorsitzende des Beirats der Bundesregierung Zivile Krisenprävention und Friedensförderung und Wissenschaftlerin am PIK, Barbora Sedova, Co-Leiterin des Future Labs Sicherheit, ethnische Konflikte und Migration am PIK, Patrick Berg, Head of Department Regional Peace Support bei der Berghof Foundation, und Florian Lüdtke, Media and Communication Manager der Berghof Foundation.

Stimmen deutscher Klimaforscher zum 1. Teil des 6. IPCC-Sachstandsberichts

Die Veröffentlichung des ersten von vier Teilen des 6. Sachstandsberichts Anfang der Woche hat starke politische Reaktionen hervorgerufen. Das Science Media Center (SMC) in Köln hat Stimmen von Klimaexperten aus dem deutschsprachigen Raum eingeholt, von denen wir einige zur Einordnung des IPCC-Teilberichts auszugsweise dokumentieren.

Veronika Eyring, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt und Universität Bremen, koordinierende Leitautorin in Kapitel 3 im IPCC-Sachstandsbericht:

„Wir haben hier mit dem Bericht den Realitätscheck geliefert. Wir sehen, dass die Erwärmung bereits auf 1,1 Grad ungefähr angestiegen ist. Wir sind von dem 1,5-Grad-Ziel nicht mehr weit entfernt. Wir sehen, dass jedes der vergangenen vier Jahrzehnte wiederum wärmer als jedes der vorangegangenen Jahrzehnte war seit 1850. Und diese Erwärmung geschieht auch sehr viel rascher seit 1970.“

Helge Goessling, Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI), Bremerhaven:

„Die Veröffentlichung des fünften Sachstandsberichts vor acht Jahren fiel in eine Zeit, zu der die vermeintliche ‚Erwärmungspause‘ der vorangegangenen 15 Jahre viel diskutiert wurde und Angriffsfläche für Zweifel am menschgemachten Klimawandel bot. Die weitere Klimaentwicklung der letzten Jahre hat jedoch glasklar gezeigt, was wissenschaftlich schon damals als äußerst wahrscheinlich galt: Die Erwärmungspause war lediglich eine leichte Verlangsamung aufgrund von Zufallsschwankungen. Der Klimawandel schreitet ungebremst voran.“

Friederike Otto, University of Oxford:

„Der Report hat zum ersten Mal seit dem Spezialbericht 2012 ein ganzes Kapitel zu Extremereignissen. Wir haben zum ersten Mal Evidenz, dass Extremereignisse sich überall auf der Welt verändert haben und dass der Klimawandel in vielen Fällen eine Ursache dieser Veränderungen ist – und bei Hitzewellen die dominante Ursache.“

Karsten Haustein, Helmholtz-Zentrum Geesthacht:

„Der neue Report streicht heraus, dass die Landflächen sich bereits um 1,6 Grad im Schnitt erwärmt haben, was deutlich über dem Anstieg der Ozeantemperaturen liegt (0,9 Grad). Insbesondere dieser Aspekt ist ein unzweifelhafter Fingerabdruck des menschengemachten Klimawandels und mithin eine starke Erinnerung, dass die Änderungen dort am stärksten zu spüren sind, wo wir Menschen leben.“

Johannes Orphal, Karlsruher Institut für Technologie, Eggenstein-Leopoldshafen:

„Jede eingesparte Tonne hilft, den Klimawandel zu begrenzen – das ist in dem Bericht sehr gut dargestellt. Eine globale Erwärmung von ‚nur‘ 1,5 Grad wäre definitiv weniger schlimm als 2 Grad, auch das wird sehr gut gezeigt. Also Schluss mit dem ‚Weiter so, wir können doch eh nix tun‘ – das ist einfach falsch!“

Thomas Leisner, Universität Heidelberg und KIT:

„Negativen Emissionen – insbesondere CDR (Carbon Dioxide Removal), also der technischen CO₂-Entnahme aus der Atmosphäre – wird eine hohe Bedeutung für den zukünftigen Klimaschutz zugesprochen. Mögliche Zielkonflikte mit Nahrungsmittelsicherheit und Biodiversität werden angesprochen. Ich finde den Optimismus bezüglich dieser Optionen riskant.“

Judith Hauck, Helmholtz-Nachwuchsgruppe Marine Carbon and Ecosystem Feedbacks in the Earth System:

„Hier wird sehr gut erklärt, dass eine Abnahme der CO₂-Emissionen erst zu einer Stabilisierung der atmosphärischen CO₂-Konzentration führt, wenn wir ‚null Emissionen‘ erreicht haben. Und dass eine Verlangsamung der Erwärmung nach Emissionsreduktion nicht sofort, sondern innerhalb von etwa zehn Jahren nachzuweisen wäre. Das illustriert, welchen Weitblick wir als Gesellschaft bei anstehenden Entscheidungen in den nächsten zehn Jahren brauchen.“

Mojib Latif, Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel GEOMAR, Kiel:

„Wenn man alle Aussagen des Berichts zusammennimmt, würde ich sie wie folgt interpretieren: Die Menschheit ist dabei, den klimatischen Wohlfühlbereich zu verlassen, den sie über die letzten Jahrtausende genießen durfte.“

Julia Pongratz, Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), München:

„Bezüglich der Klimamodellergebnisse kann eine Erfolgsstory erzählt werden: Wie in den letzten Sachstandsberichten auch basieren viele der Ergebnisse – insbesondere die Projektionen für die Zukunft – auf Ergebnissen aus sogenannten Erdsystemmodellen. Die wurden aber über die letzten Jahrzehnte hinweg immer komplexer und für immer mehr Fragestellungen verwendet.“

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