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Modell entlarvt Privates : „Gefällt mir“ auf Facebook ist verräterisch

Der "Gefällt-mir-Button" des sozialen Netzwerks Facebook Bild: dpa

Mehr als 58.000 Facebook-Nutzer haben sich für eine Studie testen lassen. Schon aus wenigen „Gefällt mir“-Klicks konnten so aussagekräftige Profile erstellt werden.

          Die Facebook-Algorithmen, die sich in „maßgeschneiderten“ Werbungen niederschlagen,  haben das ja schön länger ahnen lassen. Jetzt ist klar: Vom gläsernen Menschen sind wir Internetnutzer weniger weit entfernt, als viele glauben. Nicht erst durch eigene Websites, Online-Käufe oder durch Veröffentlichung des persönlichen Profils in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter gibt man Privates preis – schon mit wenigen Klicks auf den harmlos erscheinenden „Gefällt mir“-Button in Facebook teilt der Nutzer erstaunlich präzise Hinweise über seine Vorlieben und Persönlichkeitsmerkmale mit.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Der britische Psychologe Michal Kosinski und seine Kollegen vom „Psychometrischen Zentrum“ der University of Cambridge haben auf der Basis von 58.466 freiwilligen Facebook-Nutzern in den Vereinigten Staaten ein mathematisches Modell entwickelt, das in der Lage ist, die „Gefällt mir“-Klicks unter Bildern, Status-Meldungen von Freunden oder auf populären Websites für die Konstruktion eines Persönlichkeitsprofils zu nutzen. Die durchschnittliche Anzahl von „Likes“ lag bei 68. Dabei gab es Probanden, die nur wenige „Likes“ vorzuweisen hatten und auch solche mit bis zu 700 „Gefällt mir“-Klicks.  Jedes gelikte Objekt wurde ausgewertet, auch persönliche Angaben im Profil wurden erfasst und in Fragebogen und Online-Tests  bestimmte  Eigenschaften  ermittelt wie Lebenszufriedenheit, Intelligenz, Extrovertiertheit oder Freundlichkeit.


          Wie die britischen Forscher  jetzt in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften (doi:10.1073/pnas.1218772110) schreiben, steigt die Prognosesicherheit mit der Zahl der „Likes“ zwar an, aber  auch „schon ein einzelner Klick kann schon eine nicht zu vernachlässigende Vorhersagemöglichkeit haben“. 
          Alter und Geschlecht waren mit dem mathematischen  Modell allein aus den Likes etwa  schnell und sehr präzise zu ermitteln.

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          Ob jemand homosexuell ist, ließ sich in 88 Prozent der Fälle richtig ermitteln, die Hautfarbe war zu 95 Prozent korrekt, die politische Links-rechts-Ausrichtung zu 85 Prozent, ob jemand Christ oder Muslim ist, zu 80 Prozent, und sogar die Eigenschaft „Offenheit“ als Charaktermerkmal wurde in der Hälfte der Fälle erfasst – jedenfalls war die Einschätzung des Programms etwa so aussagekräftig wie ein ausgefüllter Fragebogen der Probanden.

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          Von den Schlüsselbegriffen in Statusmeldungen oder auf Webseiten, die eine hohe Trefferquote im Modell ergeben, sind einige durchaus überraschend. Das dürfte vermutlich mit dem Zeitpunkt der Studie zusammen hängen und der  Aktualität bestimmter Themen. Hoher Bildungsgrad und „Intelligenz“ etwa waren den Psychologen zufolge am sichersten vorherzusagen mit Begriffen wie „The Colbert Report“  „Thunderstorm“  oder „Science“, geringe Bildung mit „Harley Davidson“ oder „I love being a Mom“.  Schwule Männer verrieten sich mit „Mac Cosmetics“ oder „Wicked the Musical“, während heterosexuelle Männer „Wu-Tan Clan“ klickten.  Dabei waren die Darstellungen, die mit „Gefällt mir“ quittiert wurden, selten - im Fall der  schwulen Männer etwa weniger als fünf Prozent – direkt mit Begriffen oder Darstellungen aus der Homosexuellenszene direkt nachzuvollziehen. Das Modell verwendete viele indirekte Hinweise, die sich allerdings häuften und bei dem einen oder anderen Nutzer auch direkter als bei anderen zum Attribut homosexuell führte.
          Wer „Hello Kitty“ anklickte, erwies sich mit großer Wahrscheinlichkeit auch als „offen“, jedoch selten als „pflichtbewusst“ oder „emotional stabil“. „Hello Kitty“-Fans  wählen auch überdurchschnittlich oft die Demokraten, sind im Schnitt deutlich  jünger und haben schwarze Hautfarbe.

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          Solche Informationen, so die Wissenschaftler,  können – zumal  in Kombination  mit der Aufzeichnung von Surfgewohnheiten, den Suchabfragen und Online-Einkäufen - von kommerziellen Anbietern genutzt werden, die Persönlichkeitsstruktur gezielt aus dem frei zugänglichen Netz „abzufragen“ . Als vorteilhaft  werten die Psychologen etwa, wenn etwa Versicherungsunternehmen  instabile Persönlichkeiten auf Angebote aufmerksam machen, die weniger riskante Papiere enthalten.  Allerdings überwiegt auch bei ihnen die Skepsis: „Unternehmen, Behörden und selbst eigene Freunde  auf Facebook könnten, mit entsprechender Software oder eben einem entsprechend programmierten App ausgestattet, persönliche Eigenschaften ermitteln, die die Nutzer lieber nicht öffentlich gemacht hätte. Die sexuelle Orientierung von Jugendlichen etwa. „Da kann man sich natürlich leicht Situationen vorstellen,  in denen solche Vorhersagen, auch wenn sie falsch wären,  die Betroffenen  in ihrem Wohl, ihrer Freiheit oder sogar ganz praktisch im täglichen Leben einschränken können.“ Wenn die Entlarvung anderer zum Online-Sport werden sollte, könne dies verhängnisvolle Wirkungen haben, für das gesamte System, schreiben die Wissenschaftler. „Das Vertrauen in die digitalen Techniken könnte schrumpfen und am Ende viele von der Nutzung des Computers abschrecken.“

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